Leichtathletik als TV-Event lässt Coronavirus-Krise kurz vergessen

Die Investition von Weltklasse Zürich in die «Inspiration Games» hat sich gelohnt. Der Fernseh-Zuschauer genoss trotz der Coronavirus-Krise ein unterhaltsames Leichtathletik-Produkt.

Das TV-Produkt, das Aushängeschilder der Leichtathletik an den Standorten Aubière in Frankreich, Walnut und Bradenton in den USA, Karlstad in Schweden, Lissabon, Papendal/Arnhem in den Niederlanden und Zürich in einem Event vereinte, kam kurzweilig daher. Der technische Kraftakt gelang. Die Pannen blieben aus – bis auf eine Ausnahme.

Das anderthalbstündige Format mit acht Disziplinen liess genügend Zeit, um einige der Protagonisten sogar mit Homestorys vorzustellen. Allyson Felix, die Gegnerin von Mujinga Kambundji und Shaunae Miller-Uibo über 150 m, wurde mit ihrer Tochter präsentiert und kam danach auch im Sieger-Interview ausführlich zu Wort. Der Wettkampfteil hingegen vermochte nicht so recht zu überzeugen. Obwohl Kambundji in Zürich, Felix im kalifornischen Walnut und Miller-Uibo in Bradenton in US-Bundesstaat Florida zeitgleich aus den Blöcken schossen, die Kameraeinstellungen praktisch identisch waren und die Bilder von der TV-Regie auf die Hundertstelsekunde genau gleichzeitig in einem Dreier-Split auf dem Bildschirm eingeblendet wurden, blieb für den TV-Zuschauer der Vergleich schwierig. Wer liegt nun vorne? Wer holt auf? Wer gewann? Diese Antworten liessen sich nicht auf Anhieb aus den Bildern filtern. Erst in der Zeitlupen-Einstellung, bei der die Ziellinie als Referenz diente, konnte die Siegerin eruiert werden.

Beim Lauf über 300 m Hürden mit Lea Sprunger war der Vergleich dank der Hindernisse einfacher. Der Zuschauer sah, wie die Westschweizerin im Letzigrund Georganne Moline in Walnut immer näher kam, während Zuzana Hejnova im Regen von Papendal chancenlos blieb. Die technischen Disziplinen, in denen einer nach dem anderen startet, blieben klar verständlich.

Selbstredend lässt sich Weltklasse Zürich 2020 nicht mit den Meetings im Letzigrund früherer Jahre vergleichen. 25’000 Zuschauer sorgten jeweils für eine Atmosphäre, die sich in einem reinen TV-Produkt kaum kopieren lässt. Kambundji hob aber als wichtigsten Unterschied nicht die Akustik hervor. «Links und rechts hast du niemanden neben dir. Das macht es schon sehr speziell», sagte sie.

Eine Panne mussten die Organisatoren gleichwohl hinnehmen. Nach dem 200-m-Lauf von Weltstar Noah Lyles blieb die Uhr knapp drei Zehntel unter dem Weltrekord von Usain Bolt stehen. Zu viel Wind? Frühstart? Fehler in der Zeitmessung? Der TV-Zuschauer wurde einige Minuten im Ungewissen gelassen. Die Lösung: Lyles lief nur 185 m.

Dass ein solcher Fehler auftreten könnte, hatte sich bereits Stunden vor der Meeting im Bauch des Letzigrund-Stadions abgezeichnet. Dort herrschte rege Betriebsamkeit. In einer Trainingshalle hatten sich die TV-Produzenten, die Wettkampf-Leiter und die Mannschaft von Swiss Timing installiert. Wenige Meter daneben stand der riesige Regiewagen der SRG, der die Sendung produzierte. Alle testeten. Dabei zeigte sich, dass nicht zwingend die Technik die höchste Hürde darstellen muss, sondern das Wettkampf-Management. Im Normalfall halten sich die Funktionäre im Stadion auf, können alles überblicken, rasch eingreifen. Bei den Inspiration Games sassen die Chefkampfrichter aber in den Katakomben des Letzigrunds und übermittelten alle Anweisungen elektronisch.

Für Weltklasse Zürich waren die rund eine Million Schweizer Franken gut investiert. Der Beweis, dass sich trotz der Coronavirus-Krise, trotz der Reisebeschränkungen, trotz der Distanzen bis nach Übersee die Weltbesten zu einem Event vereinen lassen, dass der Leichtathletik ein Gesicht gegeben werden kann und der Sport nicht in der Schockstarre verharren muss, glückte.

Die Inspiration Games sind zwar nicht eine Inspiration für die Leichtathletik – jeder sehnt sich nach den Zeiten vor der Corona-Pandemie zurück. Aber die eine oder andere Innovation des synchronisierten Zeitmesssystems dürfte in der Welt der TV-Produktion von Sportanlässen überleben.