Das nächste blaue Wunder für die Roten

Das Team Ferrari kommt in der Formel 1 selbstverschuldet vom Weg ab. Haarsträubende (Strategie-)Fehler lassen den Traum von WM-Titel platzen.

Das Ferrari-Rot war an der Spitze der Formel 1 wieder in Mode gekommen. Die Aussichten waren rosig, bei der Scuderia glaubten sie wieder goldenen Zeiten entgegenzufahren. Mit dem aktuellen Auto war den Ingenieuren ein grosser Wurf gelungen. Der F1-75 war das Beste, was der Fuhrpark der Formel 1 zu bieten hatte. Die vorsaisonalen Testfahrten lieferten den Beweis der wiedererlangten Stärke, des Vorteils gegenüber der Konkurrenz.

In Maranello begann das grosse Träumen, das nach der gelungenen ersten WM-Phase in Schwärmerei überging. Charles Leclerc hatte mit zwei Siegen und einem 2. Rang in den ersten drei Grands Prix für die nächste Stufe der Gefühlseruption gesorgt. Der Monegasse nahm ohne Verzögerung Kurs auf den WM-Titel, den ersten eines Ferrari-Fahrers seit 15 Jahren und Kimi Räikkönen.

Vier Monate später ist die Welt rund um Maranello eine ganz andere. Im Belpaese, in dem die Gemütsskala ohnehin nur zwei Extreme kennt, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt und ist die grenzenlose Euphorie tiefster Frustration gewichen. Für die Ferraristi ist wieder das Unvorstellbare eingetreten. Die Roten erleben in der Formel 1 erneut ihr blaues Wunder.

Die schmerzhafte Wende

Die Wende zum Schlechten ist erst recht schmerzhaft, weil sie selbstverschuldet ist und Fehler im Wochen- beziehungsweise im 14-Tage-Rhythmus gemacht worden sind. Die Palette des Versagens ist vielschichtig, die Einträge in die Mängelliste sind auf eine stattliche Länge angewachsen. Sie reichen von Antriebsdefekten über mangelhafte Arbeit der Boxencrew über Patzer der Fahrer bis hin zu unfassbar schwacher Strategie in den Rennen.

Technische Mängel sind in einer Rennserie mit hochgezüchteten Autos selbstredend nie auszuschliessen. Der erbitterte Konkurrenzkampf lässt keine Halbheiten zu, die Ingenieure kommen nicht darum herum, sich beim Bau der vielen entscheidenden Komponenten im Grenzbereich des Zumutbaren zu bewegen. Dass die Suche nach dem (erlaubten) Limit oft auch auf Kosten der Standfestigkeit passiert, nehmen sie beim Wettrüsten in den Fertigungshallen in Kauf. Der riskante Weg macht Ausfälle nicht selten erklärbar.

Der gescheiterte Versuch

Zu erklären hatte in den vergangenen Wochen Mattia Binotto einiges – nicht wegen (Antriebs-)Defekten, wie sie Leclerc im Grand Prix von Spanien oder Leclerc und Carlos Sainz im Grossen Preis von Aserbaidschan zur Aufgabe gezwungen hatten. Der Teamchef sah sich mehrheitlich mit kritischen Fragen wegen Entscheiden am Kommandopult konfrontiert. Zuletzt in Mogyorod, nach dem Grand Prix von Ungarn, gab es wegen falscher Reifenwahl wieder Gesprächsstoff zuhauf. Der Beschluss, das Auto von Leclerc zwischenzeitlich mit Pneus der härtesten Mischung auszurüsten, war nicht nachvollziehbar. Es war ein weiterer unverzeihlicher Fehler.

Der stets freundliche Binotto, ein Meister der Rhetorik, unternahm alles, um von der neuesten Fehlleistung abzulenken. Der in Lausanne geborene Italiener sprach von einem Auto, dessen Performance im Verlauf des Rennens auf ein derart tiefes Niveau abgesackt sei, dass die Reifenwahl keine Rolle gespielt habe. Zum ersten Mal in der laufenden Saison sei der Ferrari kein Auto mit Sieg-Potenzial gewesen. «Uns fehlte der Speed. Keine Strategie hätte uns den Erfolg gebracht.»

Der gut gemeinte Versuch, von den Tatsachen abzulenken und sich schützend vor seine Crew zu stellen, war zu durchsichtig und scheiterte selbstverständlich. Die italienische Journaille zog in gewohnt ungefilterter, schonungsloser Weise über das neueste Debakel her. Titel wie «Der rote Untergang» oder «Rotes Desaster» oder «Das nächste Eigentor von Ferrari» rauschten durch den italienischen Blätterwald. Sie sind Ausdruck von Enttäuschung, Wut und Zorn. Sie sprechen den Formel-1-Fans auf dem Stiefel aus der Seele. Die Scuderia befindet sich in der Direttissima vom Titelanwärter zur Lachnummer. Der selbstverschuldete Abstieg schmerzt.

Die brutale Quittung

Ob und allenfalls welche personellen Konsequenzen die neueste Schmach hat, ob sogar Binotto selber um seinen Job bangen muss, ist nicht abzuschätzen. Die bis Ende August dauernde Sommerpause dürfte nicht reichen, um die Gemüter zu beruhigen. Was der aktuelle WM-Stand auslöst, wird sich zeigen. 80 Punkte Rückstand von Leclerc auf den führenden Max Verstappen bieten jede Menge Angriffsfläche.

80 Punkte Rückstand sind die brutale Quittung für mehrfaches Versagen. Sie sind die bittere Gegenwart, die besagt, dass Leclerc schon vor den letzten neun Rennen nicht mehr aus eigener Kraft Weltmeister werden kann. Die 46 Punkte Vorsprung auf Verstappen, die der Monegasse nach drei Grands Prix vorweisen konnte, sind nur noch Erinnerung an eine Zeit, in der die Zukunft rosig schien – mit dem Ferrari-Rot als Modefarbe in der Formel 1.