Konservativ:
Ausserschwyz, Erste Seite
Stefan Grüter  
7. Juli 2023

Konservativ:

Gedankenspiegel

Wer die Tourismus-Region Wägital derzeit vermarkten muss, ist wahrlich nicht zu beneiden. Zuerst der Fall des Anton Ebnöther, der als katholischer Priester sechs Kinder gezeugt hat und dessen väterliche Seite verfilmt wurde. Er war lediglich ein gebürtiger Wägitaler, amtete dort nie als Pfarrer, weshalb sich der Image-Schaden des Märchler Tals in Grenzen hält.

Und nun seit einigen Tagen der «Fall Diethelm», der die Medien weit über unsere Region hinaus mit immer neuen Schlagzeilen füllt. «Blick» schlug dabei heftig zu, durchleuchtete vermeintliche Hintergründe und kam zum Schluss: «Das Wägital bildet mit seinen beiden Gemeinden Innerthal und Vorderthal und gemeinsam mit den Gemeinden Unteriberg, Oberiberg und Alpthal das Zentrum einer der konservativsten Ecken der Schweiz.»

Da kann man nicht viel dagegenhalten. Das konservative Gedankengut in den Schwyzer Berggemeinden ist jedoch nicht aus dem Boden geschossen. Es wurde immer wieder gefördert, und zwar von konservativen Politikern, beispielsweise aus den Kantonen Zürich und Bern. So nutzten alt Bundesrat Christoph Blocher und der Berner alt Nationalrat Adrian Amstutz die Plattform der 1.-August-Feier in Vorderthal, um die Bevölkerung in ihrem konservativen Gedankengut zu befeuern.

Ich erinnere mich gut daran, wie Christoph Blocher in seiner 1.-August-Rede 2003 dazu aufrief: «Wir müssen für uns schauen.» Und im Sommer 2014 startete er in Vorderthal seinen Kampf «gegen den schleichenden EU-Beitritt», begleitet von Trychlern, die «ihren» Christoph unterstützten, sodass selbst die «NZZ» titelte: «Blochers treue Treichler». Das fand Gehör beim gläubigen Volk im Märchler Bergtal. Nicht zuletzt deswegen, weil Politikerinnen und Politiker anderer Schattierungen diese Gemeinden meiden und sich lieber unter ihresgleichen in Agglomerationsdörfern tummeln.

Auch kantonale Politiker heizen in den Bergdörfern immer wieder den Kampf gegen alles Fremde an, ohne je die Realität vor Augen zu halten, dass diese unsere Bergdörfer ihre Existenzfähigkeit der Solidarität derjenigen verdanken, die «draussen» – so quasi in der Fremde – brav ihre Steuerbatzen abliefern und damit Solidarität bekunden.

Dass insbesondere Vorderthal nicht immer eine der «konservativsten Ecken der Schweiz» war, kann ich mit voller Überzeugung in die Welt hinausposaunen, denn schliesslich habe ich während sieben Jahren dort gewohnt. Damals – Ende der 1980er- / Anfang der 1990er-Jahre – pilgerten noch keine nationalen Patrioten für Kurztrips ins Tal. Die Gemeinde war fest in liberaler Hand, sekundiert von der CVP.

Politik war Sachpolitik, keine Parteipolitik. Das Dorf entwickelte sich, obwohl Arbeitsplätze abwanderten. Jahre zuvor stemmte man mit vereinten Kräften den Bau der Aubrighalle, die mit allerlei Veranstaltungen bis hin zu einem Open Air zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens wurde. Eine lebenswerte Landschaft, die nur zu Beginn der Fischereisaison im benachbarten Innerthal durch die Motorengeräusche der heranbrausenden Fischer von aussen etwas gestört wurde.

Es war eine schöne Zeit.

Das Dorfleben war so, wie ich es mir heute noch ab und zu herbeisehne. Man grüsste sich und kannte sich beim Namen. Bei Oppligers gabs hervorragendes Fleisch, im Notfall auch noch nach Ladenschluss. Bruhin bot knackige Brötchen. Wer nicht selbst am Herd stehen wollte, der konnte sich im «Rössli», im «Bären», im «Pöstli», im «Schweizerhof» oder in der «Sonne» verpflegen und mit Tranksame eindecken. Der «Löwen» war damals schon geschlossen. Und die Schnellmanns von der Post waren Dienstleister, wie sie im Buche stehen.

In den letzten beiden Jahrzehnten jedoch haben die politischen Geräusche von draussen das Leben in der Märchler Talschaft verändert. Dem ganzen Tal deswegen Vorwürfe zu machen, ist verfehlt. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sich dereinst auch in den konservativsten Ecken der Schweiz wieder die Realität der Gegenwart breitmacht und Volksverführer sich der Sachpolitik zuwenden oder ganz von der Bildfläche verschwinden.

Archivbild Silvia Gisler

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