«Ich habe mir einen schlechten Tag eingefangen»
Zur Sicherheit wurde Atzeni von Rettungskräften betreut. Bild zvg
Sport
24. Juli 2023

«Ich habe mir einen schlechten Tag eingefangen»

Nach dem vielversprechenden Vorlauf an der Steher-Europameisterschaft, zwang die italienische Hitze Atzeni doch noch in die Knie.

von Robin Furrer und Olaf Schürmann

Ich möchte mein Trikot mit Sternchen schmücken», hatte Giuseppe Atzeni im Vorfeld der Steher-Europameisterschaft in Pordenone, Italien, erklärt. Und er sagte auch, dass einer der grössten Rivalen an der EM nicht unbedingt auf dem Velo zu finden sei. «Ich vertrage die Hitze nicht so gut», klagte die Steher- Legende kurz vor der Abreise nach Italien. Und die Wetterpropheten hat-ten Hitze vorausgesagt.

Finale – trotz Hitzeschlacht in der Qualifikation

Trotz dieser Prognose meisterte der Märchler Giuseppe Atzeni die erste Hürde relativ problemlos. Aber schon die Qualifikation hatte es in sich, denn um 11 Uhr zeigte das Thermometer in der Region zwischen den Dolomiten und der Adriaküste Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke. Wie schon befürchtet, musste Atzeni mehr mit der Hitze kämpfen als gegen die Mitstreiter, denn «die Beine waren gut». Erfreulicherweise konnte auch sein Reichenburger Rennkollege Jan Freuler überzeugen und die Qualifikation für das EM-Finale der acht besten Steher schaffen.

Vormittags schon 33 Grad

Regen am Mittwochabend verhinderte die Austragung des Finals auf der offenen Rennbahn in Pordenone. Das Rennen der Steher musste auf Donnerstagmorgen verschoben werden. «Die Bedingungen an diesem Abend wären aber ideal gewesen», erklärte Atzeni. Strahlender Sonnenschein empfing die Radrennfahrer am nächsten Morgen. Im «Kessel» der Rennbahn stiegen die Temperaturen schnell an. Schon um 10 Uhr zeigte das Thermometer auf Atzenis Radcomputer 33 Grad – im Schatten.

Der Deutsche Daniel Harnisch und der Franzose Joseph Berlin legten los wie die Feuerwehr. Schnell konnten sie sich etwas von den anderen Fahrern absetzen. Nur Atzeni an dritter Position, vermochte den beiden Konkurrenten zu folgen. Im Verlauf des Rennens wurde die Lücke zu den zwei Führenden aber immer grösser. Jan Freuler bildete das Schlusslicht.

Schrecksekunde für alle Schweizer Radsportfreunde nach etwa der Hälfte der Renndistanz: Atzeni gab auf. Der 45-Jährige beendete das Rennen und ging ohne Umwege auf den nächst gelegenen Wasserhahn zu — Überhitzung. «Ich habe angefangen zu kochen », beschrieb der Märchler. «Ich konnte mich nicht mehr erholen, der Puls lag zeitweise bei 190, für mein Alter doch recht hoch.» Ein beinahe Sturz sorgte am Schluss dafür, dass die Luft endgültig raus war: «Die negativen Gedanken holten mich ein.» Normalerweise ist gerade die mentale Stärke ein Merkmal von Atzeni.

«Ich habe mir einen schlechten Tag eingefangen», ergänzte der 45-Jährige. Rettungskräfte begaben sich zur Sicherheit zu Atzeni, der noch immer am Boden lag. Etwa zeitgleich war auch der Niederländer Etienne van Empel vom Bahnvelo abgestiegen. Der Holländer ist Strassenprofi und hatte offensichtlich ebenfalls mit der starken Hitze zu kämpfen. Auch Rennkollege Jan Freuler gab das Rennen auf.

Das spannende Finale ohne Schweizer Beteiligung

Gegen Ende des Rennens zog der führende Deutsche Harnisch das Tempo nochmals an. Der zweite Deutsche Fahrer im Bunde, Robert Retschke, übernahm etwa zehn Runden vor Schluss den dritten Platz vom Franzosen Berlin. Ganz viele «Körner» hatte der Niederländer Reinier Honig noch im Tank übrig, denn er konnte die Lücken zum führenden Daniel Harnisch schliessen. Es kam zum Showdown in den letzten Runden.

In der letzten Kurve, nach 125 Runden, überholte Honig den Deutschen, der das ganze Rennen über in Führung gelegen war. Der Niederländer belohnt sich mit der Goldmedaille, Silber und Bronze gehen nach Deutschland.

Selbstkritisches Fazit

Giuseppe Atzeni belegt in der Endauswertung den vorletzten Platz, da er als zweiter Fahrer aufgeben musste. Der Reichenburger Jan Freuler wird am Ende Sechster. Mit der Leistung seines jüngeren Rennkollegen ist Atzeni aber mehr als nur zufrieden: «Er kam, um mich zu unterstützen, diesen Job hat er hervorragend erledigt.» Die «Niederlage » von letzter Woche brachte Atzeni aber auch zum Nachdenken: «Ich muss einsehen, dass ich nicht mehr der Jüngste bin». Die Erholung, auch von den zugetragenen Wunden, stehe jetzt im Vordergrund.

Diese Woche findet am Dienstag voraussichtlich der nächste Wettkampf in Zürich statt. Auch die Schweizermeisterschaften stehen fest in Atzenis Rennkalender vermerkt. Das Thema internationale Wettkämpfe, inklusive EM, habe sich für den Märchler aber vorerst erledigt. Die Erfahrung zeigt aber, dass es die Steher-Legende doch nicht ganz sein lassen kann. Vielleicht dürfen wir schon bald wieder an der Europameisterschaft mit Atzeni mitfiebern.

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