Literaturnobelpreis-Trägerin Annie Ernaux wird 85
Seit ihrem Nobelpreis 2022 greifen Millionen zu den Werken von Annie Ernaux. In einer Sprache von fast schmerzhafter Direktheit spiegelt sie an individuellen Erinnerungen eine ganze Gesellschaft. Am (heutigen) Montag wird Ernaux 85 Jahre alt.
Annie Ernaux schreibt über das, was viele lieber verschweigen – ohne Umschweife, literarische Schnörkel oder Schönfärberei. Eine Kostprobe davon liefert ihr gerade auf Deutsch erschienener Roman «Die Besessenheit» (Orig.: «L’Occupation», 2002) über Eifersucht. Nur rund 100 Seiten, dicht, roh, beinahe brutal – so wie das Gesamtwerk der französischen Literaturnobelpreisträgerin.
In ihrer typisch klinisch klaren Sprache beschreibt die Französin darin die obsessive Eifersucht nach dem Ende einer Liebesbeziehung – die gedankliche Fixierung auf die neue Partnerin ihres ehemaligen Geliebten. Eine psychische Ausnahmesituation, seziert mit literarischer Präzision, die sich jeder Sentimentalität verweigert.
Radikales Selbsterkundungs-Projekt
Seit Jahrzehnten widmet sich Ernaux der Frage, wie Erinnerung, Scham, Begehren und soziale Herkunft das Leben formen. Ihre Bücher, über zwanzig an der Zahl, lesen sich wie ein radikales Selbsterkundungs-Projekt.
Doch bei Ernaux geht es nie nur um das Ich: «Ich bin nicht jemand, der Geschichten erfindet. Ich suche nach einem kollektiven Sinn im Persönlichen», sagte sie einmal. Mit unverblümter Ehrlichkeit verwebt sie das Private mit der Geschichte ihrer Zeit und macht so aus individuellen Erinnerungen das Spiegelbild einer ganzen Gesellschaft. Dabei trägt sie keine fiktionalen Masken: Das Ich, das spricht, ist das Ich, das gelebt, geliebt und gelitten hat.
Millionen Leser greifen seit ihrem Nobelpreis 2022 zu ihren Büchern, fasziniert von einer Sprache, die radikal klar und knapp ist, dokumentarisch nüchtern und zugleich von grosser emotionaler Wucht. Wie Ernaux selbst sagt: «Ich bringe etwas Hartes, Schweres, manchmal sogar Gewalttätiges in die Literatur ein.»
Die französische Schriftstellerin Maria Pourchet nennt sie in «M le magazine du Monde» die «Protokollführerin des Wirklichen» und erklärt, sie habe von Ernaux gelernt, welche Rolle die Sprache bei der Erziehung von Mädchen spiele. Ernaux habe ihr auch geholfen, die Frage des Stils, das Bedürfnis, etwas hübsch zu machen, beiseite zu schieben.
Auch der Historiker Ivan Jablonka betonte in der französischen Wochenzeitung, dass ihre Bücher nicht nur Geschichten erzählen, sondern gesellschaftliche Strukturen entschlüsseln, besonders jene, die das Leben von Frauen prägen. Und wie der Autor Édouard Louis in «Télérama» meint, erfindet Ernaux eine völlig neue, revolutionäre Art des Schreibens, die Traditionen sprengt und neue Ausdrucksräume eröffnet.
Chroniken einer Erfahrung
1940 in der Normandie geboren, wächst Annie Ernaux in einfachen Verhältnissen als Tochter eines Paares auf, das einen Lebensmittelladen führt. Nach dem Studium der Neueren Literatur erlebt sie den frühen Tod ihrer Schwester – und wie Sprache Türen öffnen oder verschliessen kann. All das prägt ihr Schreiben.
Seit ihrem Debüt «Les amoires vides» (1974, dt.: «Die leeren Schränke», 2023) schreibt Ernaux über das, was viele lieber verschweigen: die Scham über die eigene Herkunft («Der Platz», Neuübersetzung 2019), ihre Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann («Eine Leidenschaft», Neuübersetzung 2024) und eine heimliche Abtreibung («Das Ereignis», 2021). Audrey Diwans preisgekrönte Verfilmung machte den Text endgültig zu einem Meilenstein feministischer Literatur.
Ernaux’ Bücher sind weit mehr als Erinnerungsliteratur. Sie sind gesellschaftliche Selbstanalyse und Ethnologie des Privaten, eine Rolle, die Ernaux selbst oft betont, wenn sie sich als Ethnologin ihres eigenen Lebens bezeichnet. Ihr «Ich» existiert dabei nie isoliert, sondern ist untrennbar geprägt von Herkunft, Zeitgeschichte und dem weiblichen Körper.
Dass sie dies auch mit 85 Jahren noch in einer Sprache tut, die glasklar und unerschrocken ist, zeigt, warum ihr Werk weit über Frankreich hinaus gelesen wird. Ernaux hat aus dem eigenen Leben Literatur gemacht, die bleibt, weil sie von uns allen erzählt.
