Glitzer, Leidensfähigkeit und ein letzter Tanz auf Schnee
Sport
January 5, 2026

Glitzer, Leidensfähigkeit und ein letzter Tanz auf Schnee

Sie jubelt, keucht, lacht, leidet und siegt weiter. Jessie Diggins ruht sich in ihrer Abschiedstour nicht auf ihren Lorbeeren aus.

Es gibt Athletinnen, die gewinnen. Und es gibt jene, die dabei Spuren hinterlassen. Jessie Diggins gehört seit über einem Jahrzehnt zur zweiten Kategorie. Wenn sie im Zielraum ankommt, ist das selten elegant, aber oft laut, immer echt. Die Grimasse gehört so sehr zu ihr wie der Glitzer im Gesicht. Keine jubelt so schön. Keine wirkt derart verrückt, spontan und leidenschaftlich. Und keine Langläuferin scheint sich in den Rennen so sehr verausgaben zu können wie die Amerikanerin.

Auch oben auf der Alpe Cermis, wo sie am Sonntag zum dritten Mal als Siegerin der Tour de Ski wie eine tote Fliege im Schnee lag, war ihr Leiden sichtbar und hörbar. Kopfüber fiel sie im Zielgelände zu Boden, nachdem sie die Tagessiegerin Karoline Simpson-Larsen bis zum Schluss gefordert hatte. Dabei hätte sie mit ihrem Vorsprung im Gesamtklassement den Schongang einschalten können.

Ende Saison ist Schluss

Die 34-jährige Amerikanerin hat Mitte November ihren Abschied per Ende Saison angekündigt. «Es fühlt sich richtig an», schrieb sie auf Instagram, wissend, dass das Richtige nicht immer das Leichte ist. Der Langlauf verliert damit nicht nur eine der erfolgreichsten Athletinnen der Geschichte, sondern auch eine der lebendigsten Figuren. Diggins ist keine stille Sammlerin von Medaillen. Sie ist ein Vorbild auf Skiern, man wird sie vermissen.

Sportlich ist ihre Bilanz längst monumental. Olympiasiegerin, zweifache Weltmeisterin, dreifache Gesamtweltcup-Siegerin und nun auch dreifache Gewinnerin der Tour de Ski. Mit dem jüngsten Triumph schrieb sie Geschichte, nicht nur wegen der Zahl, sondern wegen der Art und Weise. Diggins gewann diese Tour nicht als Skating-Künstlerin, als die sie lange galt, sondern als komplette Läuferin. Gerade in der klassischen Technik, früher ihre Achillesferse, machte sie in den letzten Jahren enorme Fortschritte. Der Schritt ist sauberer, der Abdruck kraftvoller, der Rhythmus stabiler. Wie sie sich am Neujahrstag in Toblach in der Verfolgung über 20 km klassisch der Einholung widersetzte, das war Weltklasse. Vor ein paar Jahren wäre dies noch undenkbar gewesen.

Dass sie in den Dreissigern ihrer Karriere auch im Klassisch-Rennen angreifen kann, verändert ihre Rolle im Feld. Sie ist nicht mehr nur gefährlich, sie ist allgegenwärtig. Für diese Entwicklung gebührt ihr grosser Respekt. Sie gehört zu den wenigen Langläuferinnen, die in jeder Weltcup-Disziplin mindestens einen Sieg errungen hat.

Olympische Spiele eine letzte Bühne

Und nun also diese letzte Saison. Abschiedstournee klingt nach Wehmut, Diggins aber wählt einen anderen Ton. Glitzer ins Gesicht und los. Die grossen Stationen stehen bereit: An der Tour de Ski hat die Blondine geliefert, die Olympischen Spiele folgen in einem Monat und am Horizont ist schon das Weltcupfinale in ihrer Heimat USA in Lake Placid erkennbar. Abschiedstournee gleich Stillstand? Nicht mit Jessie Diggins. Die Chance, olympisch ein weiteres Mal gross zuzuschlagen, ist real. Vielleicht sogar grösser als je zuvor, weil Erfahrung und Vielseitigkeit nun zusammenfallen.

Auf den olympischen Strecken im Val di Fiemme würde sich ein Kreis schliessen. Denn dort war sie 2013 zum ersten Mal Weltmeisterin geworden. 2013, in jener Zeit, als Dario Cologna im Weltcup dominierte und sich ebenfalls (endlich) erstmals WM-Gold umhängen liess.

Abseits der Loipen ist Jessie Diggins’ Rücktritts-Entscheid nachvollziehbar. Das Leben aus dem Koffer, die Monate fern der Heimat Minnesota, das ständige Unterwegssein, all das fordert seinen Tribut. Sie hat früh offen darüber gesprochen, wie sehr sie Familie und Ehemann vermisst. Der Rücktritt kommt nicht aus heiterem Himmel.

Bis dahin jedoch bleibt sie, wie sie immer war: kompromisslos, leidensfähig, ansteckend. Wenn Jessie Diggins abtritt, dann nicht leise, sondern mit Atemnot und erhobenen Armen.