«Gilberte de Courgenay»: eine Frau für den Zusammenhalt der Schweiz
«Gilberte de Courgenay» gehört zu den Klassikern des Schweizer Films - und steht für die «Geistige Landesverteidigung». Ein Augenschein im jurassischen Ort zeigt, dass Mythos und Realität nicht zu unterscheiden sind.
Die Ajoie, zu Deutsch auch bekannt als «Pruntruter Zipfel», ist jenes Gebiet, wo sich die Schweiz im Nordwesten mutig ein Stück zwischen die Franche-Comté und das Elsass schiebt. Weil aber Frankreich letztere Region nach verlorenem Krieg an das deutsche Kaiserreich abtreten musste, war die Ajoie spätestens bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Gebiet, das buchstäblich zwischen den Fronten lag.
Hier, im kleinen Dorf Courgenay unweit von Pruntrut, wurde im Jahr 1896 – 18 Jahre vor Kriegsausbruch – das Mädchen Gilberte in eine Wirtsfamilie hineingeboren. Und hier war es auch, wo die Schweizer Armee unter Führung von General Ulrich Wille während des Krieges Präsenz zu markierte. Dreihunderttausend Soldaten aus der ganzen Schweiz sollen dazu abkommandiert worden sein. Sie sind im Hôtel de la Gare in Courgenay eingekehrt, dem von Gilbertes Eltern bewirteten Gasthaus.
Von der jungen Frau zur Heiligen
Die junge Gilberte, nach einem Hauswirtschaftsjahr in der Deutschschweiz als einzige des Deutschen mächtig, soll sich dermassen fürsorglich um die schlecht besoldeten, unter Heimweh leidenden Soldaten gekümmert haben und ausserdem über ein aussergewöhnliches Gesichter- und Namensgedächtnis verfügt haben, dass ihr Ansehen bald jenem einer Heiligen nahe kam.
Eins führte zum anderen. Ein Duo musikalisch veranlagter Soldaten aus dem Entlebuch komponierte das Lied «Gilberte de Courgenay», das bald sehr populär werden sollte. Die Textzeile, wonach man «’la petite Gilberte/Gilbert’ de Courgenay» in der ganzen Schweiz und der ganzen Armee kennen würde, geriet zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Ein Vierteljahrhundert später herrschte wieder Krieg. Die jeweilige Sprachzugehörigkeit spaltete die Schweiz in klare Sympathisantinnen und Sympathisanten für die eine oder andere Kriegspartei. Dies abzuwenden, war das erklärte Ziel der sogenannten «Geistigen Landesverteidigung». Es galt, das Schweizer Volk dazu zu bringen, sich unabhängig von Sprache, kulturellen Unterschieden und der Klassenzugehörigkeit als Schicksalsgemeinschaft zu betrachten.
Zur Einstimmung auf das Vaterland
Das Potential des Kinos als Medium für patriotische Überzeugungsarbeit war hinlänglich bekannt. In der «kleinen Gilberte», deren landesweite Popularität dank dem Lied und einem Roman ungebrochen war, fand man die ideale Kandidatin für einen Film, der die Herzen der französischen wie der deutschsprachigen Schweiz aufs Vaterland einstimmen würde.
Der charmant-unschuldige Ausdruck der jungen Hauptdarstellerin Anne-Marie Blanc sollte sein Übriges tun, die real existierende Person namens Gilberte Montavon endgültig zu Gilberte de Courgenay umzudeuten. Zur mythologischen Figur also, die «das weibliche Element, für das sich der entbehrungsreiche Einsatz der Soldaten an der Grenze lohnte» verkörperte, wie es die Schauspielerin einst selbst formulierte.
Produziert von der Praesens-Film mit Unterstützung einer Stiftung für Armeeangehörige, entstanden unter der Regie von Franz Schnyder die Aussenaufnahmen des Films in Courgenay, während die Innenräume des Hôtel de la Gare im Zürcher Filmstudio Rosenhof nachgebaut wurden. Wie gross der Beitrag des 1942 veröffentlichten Films «Gilberte de Courgenay» zum Zusammenhalt der Schweizerischen Eidgenossenschaft schliesslich ausfiel, lässt sich nur noch schwer eruieren. Gesichert hingegen ist die Position, die der Kinoklassiker innerhalb der Schweizer Filmgeschichte einnimmt.
Gilberte Montavon selbst liess sich während des Kriegs von der Armee zur Ermutigungsarbeit einspannen, soll jedoch zunehmend unter ihrer Prominenz gelitten haben. 1957 starb sie in Zürich an einer Krebserkrankung.
Das Gasthaus heute
Wer heute nach Courgenay fährt, findet an der Rue de Petite-Gilberte 2, direkt beim Bahnhof, das Hôtel de la Gare in mehr oder weniger ursprünglichem Zustand vor. Mittlerweile heisst es «Hôtel-restaurant de la Petite Gilberte» und wird mit dem Anspruch betrieben, «ein Stück Schweizer Geschichte der Allgemeinheit erhalten zu wollen». Der schöne Esssaal im Stil der 1920er ist liebevoll mit zahlreichen Fotografien aus jener Zeit dekoriert, die das das Gasthaus und mit ihm auch das Dorf im ganzen Land berühmt gemacht hat.
Irgendwann zwischen dem Genuss eines Gerichts von der Speisekarte, die sich an den kulinarischen Gepflogenheiten ebenjener Zeit orientiert, und einem Spaziergang durch das Dorf, auf dem man geschnitzten Statuen und anderen Verweisen auf Gilberte begegnet ist, verliert man dann die Übersicht darüber, wo hier die reale Gilberte Montavon aufhört und die allegorische Figur der «petite Gilberte» beginnt.
Der Film seinerseits scheint in Courgenay, wo manche noch mit der echten Gilberte bekannt gewesen sein werden, keinen besonderen Stellenwert zu geniessen. Zwar wird im Restaurant eine DVD verkauft, und oft würden Besucher fragen, wo denn die prominente Treppe aus dem Film geblieben sei. Auf Nachfrage gibt die freundliche Kellnerin, eine französische Grenzgängerin, leicht schuldbewusst zu, den Film noch nie gesehen zu haben.*
*Dieser Text von Dominic Schmid wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
