Die Schweizer Handballer glauben jetzt an das Grosse
Es gibt das «Wunder von Bern», nun gibt es das «Wunder von Oslo». Nun wollen die Schweizer auch in der Hauptrunde Geschichte schreiben.
Der SHV-Präsident Pascal Jenny trägt das Herz auf der Zunge. Und er ist einer, der gross denkt. Als er vor dem letzten Schweizer Vorrundenspiel gegen Montenegro zur Mannschaft sprach, blickte er bereits auf die nächsten Turniere – die WM 2027 in Deutschland und die EM 2028, die unter anderem in der Schweiz ausgetragen wird. Selbst er glaubte nicht mehr an ein Weiterkommen in die Hauptrunde, obwohl Manuel Zehnder von hinten rief, es sei noch nicht vorbei.
Szenenwechsel. Nationaltrainer Andy Schmid spricht am Tag nach dem Totalkollaps gegen Slowenien – die Schweizer verloren nach einer 23:14-Führung mit 35:38 – im Teamhotel mit zwei Schweizer Journalisten. Er sagt: «Ich möchte meinen Spielern aus eigener Erfahrung weitergeben, dass gerade aus Tiefschlägen und dem damit verbundenen Schmerz auch Positives entstehen kann, weil man den Schmerz das nächste Mal verhindern möchte und sich ein oder zwei Ankerelemente in der Psyche sucht. Allerdings nicht heute und morgen nach dem Spiel wahrscheinlich auch nicht.»
Auch das verdeutlicht – die Schweizer sassen praktisch auf gepackten Koffern für die Heimreise. Klar, denn sie waren nicht nur darauf angewiesen, dass die Färöer gegen Slowenien verlieren, sondern mussten auch eine 16 Treffer schlechtere Tordifferenz im Vergleich mit den Färingern aufholen.
Gibt doch einen Handball-Gott
48 Stunden nach dem Einbruch gegen Slowenien war die Gefühlslage bei Schmid diametral anders. Sein Team hatte Montenegro 43:26 bezwungen – der zuvor höchste Sieg der Schweiz an der EM war das 31:24 gegen Polen vor vier Jahren -, und die Färöer unterlagen Slowenien 27:30. Der sich bereits im Hotel befindende fünffache Bundesliga-MVP nahm sich kurz vor halb zwölf noch Zeit für ein Telefonat mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Ich muss ehrlich sagen, ich bin noch nicht lange Trainer, aber es ist vergleichbar mit der deutschen Meisterschaft, die ich mit den (Rhein-Neckar) Löwen gewonnen habe. Es ist sensationell. Vor zwölf Jahren, als wir mit den Löwen das erste Mal knapp nicht Meister wurden (Kiel hatte eine um zwei Treffer bessere Tordifferenz), habe ich den Handball-Gott verflucht. Nun muss ich alles zurücknehmen – es gibt einen Handball-Gott.»
Wie war das möglich, Montenegro mit 17 Toren Unterschied zu bezwingen? «Ich habe damit gerechnet, dass Montenegro wahrscheinlich nicht mehr alles investieren und nicht mehr um jedes Tor kämpfen wird, wenn wir mal führen. Wir wollten sie dorthin bringen, dass sie irgendwann aufstecken. Aber trotzdem, dass wir es dann so beenden, ist unglaublich. Es wäre vermessen gewesen, mit plus 17 zu rechnen.»
Gute Strukturen und Mut
Pascal Jenny war bereits auf dem Weg zurück in die Stadt, als ihn Keystone-SDA erreichte. Er kehrte um und nahm das Wort «historisch» in den Mund. Zwar stand die Schweiz 2004 bereits einmal an einer EM in der Hauptrunde der besten zwölf Teams, damals nahmen jedoch nur 16 Mannschaften teil – seit 2020 sind es 24. «Wir haben ein gutes Konstrukt geschaffen», sagt er. «Die Strukturen sind professioneller. Ab dem Sommer gibt es ja auch noch eine Männer-Akademie im OYM in Cham. Und ich glaube, dieser Weg ist alternativlos, denn rundherum wird auch investiert.» Zudem sei es mutig gewesen, Andy Schmid als Ikone mit seiner Einstellung zum Nationaltrainer zu ernennen, das in den letzten zehn Jahren mit Michael Suter Aufgebaute nochmals in eine andere Dimension zu befördern. «Er will ein Welttrainer werden und ist auf dem Weg dazu.»
Auch die Mentalität im Team hat sich für ihn geändert: «Die Spieler und der Coaching-Staff glauben nun an das Grosse.» Deshalb ist Jenny überzeugt, dass die Schweizer auch in der Hauptrunde in Malmö mit den Gegnern Schweden, Kroatien, Island und Ungarn bestehen kann. Er geht gar so weit: «Ein einfacheres Gruppen-Tableau erhältst du wahrscheinlich nie mehr. Nun sind wir in dieser Hauptrunde. Zwar sind alle vier Gegner stark, aber alle können an einem guten Tag bezwungen werden.»
In erster Linie möchte Jenny aber eine Weiterentwicklung sehen: «Dann bin ich unabhängig vom Resultat zufrieden.» Denn er macht keinen Hehl daraus, dass das Ziel an der Heim-EM sei, «wenn möglich um die Medaillen zu spielen». Deshalb solle jedes Spiel bis dorthin genutzt werden, um sich zu verbessern. Schmid hofft derweil, dass «das Wunder von Oslo» dem Team einen Push gibt. Und vielleicht gibt es ja noch das «Wunder von Malmö».
