Solothurner Filmtage widmen sich dem künstlerischen Aufbruch
Das «Histoires»-Programm der zu Ende gehenden Solothurner Filmtage hat sich dem von New York inspirierten Schweizer Filmschaffen gewidmet. Ein Gespräch mit dem Winterthurer Filmemacher Jonas Meier, dessen Film «Social Landscapes» für den Prix de Soleure nominiert ist.
Der Winterthurer Filmemacher Jonas Meier zählt sich selber zu den «KI-Fitten». Er kennt sich mit künstlicher Intelligenz aus, experimentiert gerne damit und spricht dem Prozess gar Parallelen zum dokumentarischen Filmen zu. Es lasse sich schnell und unkompliziert etwas erschaffen. Ja, die Ästhetik, die sei hässlich, räumt er im Gespräch mit Keystone-SDA ein – «alles sieht gleich geschliffen aus, die Individualität fehlt komplett.»
Doch: «Ich kann morgens mein Käffeli trinken, eine spontane Idee schnell durch das System hauen und schon habe ich eine Konfrontation mit meinen Gedanken.» Früher sei es zuweilen ein jahrelanger Prozess gewesen, überhaupt erst an den Punkt zu kommen, wo man mit der Umsetzung eines Projekts anfangen kann. «Wenn KI dann mal soweit ist, dass sie auch die kreative Herangehensweise beherrscht, dann reden wir über etwas anderes, doch im Moment kann dieses Hilfsmittel schon bereichernd sein.»
Für den Prix de Soleure nominiert
An den diesjährigen Solothurner Filmtagen vom, wo er mit seinem neuen Film «Social Landscapes» für den Prix de Soleure nominiert ist, ist Jonas Meier auf Filmemachende einer anderen Generation getroffen. Die Zürcher Produzentin Ruth Waldburger etwa, die den 1991er-Film «Johnny Suede» produzierte, in dem Brad Pitt eine seiner ersten Hauptrollen spielte. Oder den Tessiner Filmemacher Edo Bertoglio, der mit «Downtown 81» ein Jahrzehnt davor den New Yorker Künstler Jean-Michel Basquat (1960-1988) vor seinem grossen Durchbruch begleitete.
Sie hatten ihre Anfänge in einer Ära, in der man in grossen Städten, in der weiten Welt nach Inspiration suchte und eine Aufbruchstimmung und ein grossen Drang zur kreativen Selbstverwirklichung herrschte. Von der Tatsache, dass die technischen und finanziellen Mittel knapp waren, liess sich die Kunstwelt nicht aufhalten. Oder wie Debbie Harry, Sängerin der Band Blondie, es in dem Dokumentarfilm «Face Addict» (2005, ebenfalls von Edo Bertoglio) ausdrückt: «Wir alle taten Dinge, die wir nicht für möglich hielten.»
Jonas Meier verortet sich selber nicht in der Subkultur. Auch nicht in der modernen. Weder sei er in entsprechenden Szenen unterwegs, noch wisse er, was genau man sich in der Schweizer Filmwelt heute darunter vorstellen soll. Hauptberuflich bewegt er sich in einer Welt, in der Budget eine Bedingung und der kommerzielle Erfolg ein Ziel ist. Mit seiner Produktionsfirma zweihund dreht Meier Werbespots für Internetanbieter, Gastrounternehmen oder Lebensmittelhändler. «Das sind Auftragsarbeiten, in denen ich ganz klassisch arbeite, zu grossen Teilen nach den Vorstellungen anderer.»
Kreative, rebellische Kraft
Spricht Jonas Meier über sein freies filmisches Schaffen, seine Musikvideos und seine Filme, so wird dann aber doch eine kreative, rebellische Kraft spürbar, die an die Kunstschaffenden, deren Werke im «Histoires»-Programm gezeigt werden, erinnern. Er benutzt Wörter wie «Drang» und «Verlangen» und sagt im Bezug auf sein neuestes Werk, er hätte sich «wohl eher verkrampft», wenn damit ein grosses Budget und hohe Erwartungen verbunden gewesen wären. «Ich glaube, dass ich mich gerade wegen dessen Einfachheit nie von dem Projekt gelöst habe.» Und die Arbeit an seinem experimentellen Dokfilm hätten sehr lange gedauert.
In «Social Landscapes» wirft Meier einen Blick auf eine Gesellschaft, die praktisch nur noch via Smartphone auf die Welt blickt. Ganz ohne eigene Wertung, nur mit stimmungsvollen Bildern, Kompositionen und eingeblendeten Userkommentaren, vermag es der Filmemacher, die Absurdität dieser Entwicklung zu entlarven. Was in der Zuschauerin wiederum Gefühle von schauderhafter Abneigung bis hin zur hellen Begeisterung hervorruft.
Der Film reiht sich ein in die Werke, die dem Mainstram trotzen und vom puren Ausdruckswillen des Machers zeugen. Oder in den Worten Debbie Harrys: Ziemlich sicher hat Jonas Meier mit diesem Werk etwas getan, das er davor nicht für möglich hielt.
*Dieser Text von Miriam Margani, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
