Elisa Shua Dusapins Erfolgsroman «Winter in Sokcho» im Kino
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January 29, 2026

Elisa Shua Dusapins Erfolgsroman «Winter in Sokcho» im Kino

«Winter in Sokcho» aus dem Jahr 2016 ist erste Roman von Elisa Shua Dusapin. Diesem Debüt hat der Regisseur Koya Kamura seinen ersten Spielfilm «Hiver à Sokcho» gewidmet. Ein Gespräch über einen schwebend-schönen Film, der jetzt in den Deutschschweizer Kinos startet.

Sokcho ist eine Strand- und Hafenstadt an der südkoreanischen Ostküste, nahe der Grenze zu Nordkorea. Dort spielen der Roman wie auch der Film. Die junge Studentin Soo-Ha arbeitet in einer billigen Absteige. Sie sieht sich verpflichtet, bei ihrer Mutter, einer Fischverkäuferin, zu bleiben und fühlt sich zugleich fremd an diesem Ort. Von ihrem Vater weiss sie nur, dass er Franzose ist.

Ein französischer Gast, der Comic-Autor Yan Kerrand auf der Suche nach neuen Sujets, weckt bei ihr gemischte Gefühle. Sieht sie in ihm eine Vaterfigur oder einen möglichen Geliebten? Der Roman überlässt die Antwort den Lesenden. Er entscheidet auch nicht, wie die Suche der Protagonistin nach ihrem Weg ausgehen wird. Die atmosphärisch starken Szenen und Bilder lassen Raum für mögliche Geschichten.

Heikles Unterfangen

Genau diese Offenheit, die lediglich angedeuteten Beziehungen oder Wünsche der Figuren übernimmt der Franko-Japaner Koya Kamura in seinem Film mit dem französischen Originaltitel des Romans. Die Verfilmung des Buches sei ein heikles Unterfangen, sagte Kamura im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Dann, wenn die Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser oder der Autorin mit der des Regisseurs kollidiere. «Das war meine grösste Sorge.»

Die Autorin Elisa Shua Dusapin hat nicht am Drehbuch mitgeschrieben. Aber sie hat dem Vermerk «nach dem Roman» zugestimmt. «Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich irgendwie schockiert, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Intimität auf einer grossen Leinwand zur Schau gestellt wurde», sagte sie kurz bevor der Film im Dezember 2024 in der Romandie in die Kinos kam. Es sei gleichzeitig schwer gewesen und eine Erleichterung, den Film anzuschauen. Sie lobte «die Sensibilität des Regisseurs und des Filmteams».

Für Kamura, der in Paris Film studiert hat und später beispielsweise für Walt Disney gearbeitet hat, hat die Arbeit an seinem ersten Spielfilm damit begonnen, dass ihm sein Produzent den Roman «Hiver à Sokcho» zur Lektüre gegeben hatte. Zuerst habe er ihn aus Höflichkeit gelesen. Sehr schnell fiel ihm aber auf, dass der Roman die gleichen Fragen stellt, «die ich selbst als Franko-Japaner hatte».

Angesprochen haben ihn «der abwesende Vater und diese jungen Frau, die sich ohne ihn zurechtgefunden hat». Für Kamura ist auch die Figur des französischen Zeichners Yan Kerrand eine Art Verschwundener. «Er kommt aus dem Nichts und man weiss nichts über ihn.»

Unbeschriebenes Blatt

In seinem Film wollte sich der Regisseur darauf konzentrieren, was die Hauptfigur Soo-Ha auf den Illustrator Kerrand projiziert. «Deshalb wollte ich, dass Kerran wie ein unbeschriebenes Blatt ist.» Die Rolle hat dann der französische Schauspieler mit marrokanischen Wurzeln, Roschdy Zem, übernommen. Kamura verweist auf den Film «Im Schatten von Roubaix» (2019) von Arnaud Depleschin; Zem spielte dort eine Figur, die «in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich» zu der war, die sich Kamura für Kerran vorgestellt hatte.

Als schwierig erwies es sich, eine Darstellerin für die Rolle der Soo-Ha zu finden. «Ich suchte eine junge Frau von 25 Jahren, die fliessend Koreanisch und sehr gut Französisch spricht. Ich wollte, dass sie sehr gross ist. Davon gibt es nicht viele und keine war Schauspielerin. Bella Kim, die als Model arbeitet und in Sokcho aufgewachsen ist, hatte vor diesem Film noch nie vor einer Kamera gespielt», erzählte Kamuara.

Entstanden ist ein ruhiger Film, der sich um Intimität und Abgrenzung dreht, um Zugehörigkeit und Verlorenheit – und dabei auf jegliche Eindeutigkeit verzichtet. Mit diesen Eigenschaften ist der Film seiner Romanvorlage sehr nahe.

Der Roman «Winter in Sokcho» wurde im Übrigen mit mehreren Preisen in Frankreich und in der Schweiz ausgezeichnet. Und 2021 folgte für die englische Übersetzung der renommierte US-amerikanische National Book Award für übersetzte Literatur.