«Olympia ist immer etwas weniger stimmungsvoll als eine WM»
Dario Cologna ist mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Schweizer Winter-Olympionike der Geschichte. Der Bündner freut sich auf Spiele in der engeren Heimat und trauert dem Rücktritt nicht nach.
Dario Cologna, mit Verlaub, Ihr Timing ist schlecht. Sie nahmen an vier Olympischen Spielen teil, die letzte davor war 2006 in Turin, nun folgt Mailand/Cortina. Sie verpassen das mit Ihren italienischen Wurzeln.
(schmunzelt) «Ja.»
Sie sind zu früh zurückgetreten.
«Das wurde mir auch schon gesagt. In zwei Monaten werde ich aber 40 Jahre alt.»
Sie waren in Kanada, Russland, Südkorea und China an Olympischen Spielen. Das waren nicht besonders stimmungsvolle Wettkämpfe für Langläufer.
«Olympische Spiele sind immer ein bisschen weniger stimmungsvoll als eine WM. Es gibt mehr Regeln und weniger Platz für Zuschauer. Trotzdem, als junger Sportler war es natürlich eine spezielle Reise nach Vancouver, aufregend, schon etwas anderes als einfach zu einem Weltcup zu gehen.»
Speziell für Sie war, dass sie gleich bei den ersten Spielen in Vancouver zumindest ein Mitfavorit waren. War es sogar ein Vorteil, dass es weit weg war und der Druck vielleicht deshalb ein wenig kleiner?
«Ja, vielleicht. Ich war schon noch jung, aber nach dem Gewinn der Tour de Ski und des Gesamtweltcups kein unbeschriebenes Blatt mehr. Die Aufmerksamkeit in diesem Jahr war für uns als Langläufer schon etwas Neues. Aber ich war jung und unbekümmert, von daher war es mir nicht zu viel.»
Aber der Ehrgeiz für eine Medaille war schon da?
«Ja, sicher. Ich hatte im Herbst noch eine Verletzung und startete etwas später in die Saison, das hat vielleicht noch etwas Druck weg genommen. (schmunzelt) Es ist nicht schlecht herausgekommen.»
(Der Kellner im Café in Davos kommt und nimmt die Bestellung auf, am Nebentisch sitzen drei Gemeindepolizisten und blicken rüber.)
Werden Sie eigentlich in Norwegen mehr erkannt als zum Beispiel in Zürich?
«Nein. In Zürich werde ich auf jeden Fall häufiger angesprochen.»
Immer noch?
«Ja. Nicht ständig, aber schon ab und zu. Das ist ja auch sehr schön.»
Um auf die Frage am Anfang zurückzukommen. Ihren Rücktritt haben Sie in dem Fall nie bereut?
«Es war für mich ein guter Zeitpunkt. Ich hatte mich ja schon zuvor entschieden, und das letzte Jahr war nicht das beste. Es ist nicht alles so aufgegangen wie erhofft, aber für mich hat es gestimmt. Ich bin Vater geworden. Und man muss genug ehrlich sein. Ich war immer vorne dabei, und das ist dann schwierig geworden.»
Einfach noch ein bisschen um gute, aber nicht Spitzenplätze mitzulaufen, war nichts für Sie?
«Nein. Da musst du realistisch sein. Wenn du jung bist, kannst du immer mal noch einen Schritt nach vorne machen oder einfach eine schlechte Saison haben. Aber irgendwann wird es schwierig.»
Jetzt sind Sie sozusagen als Beobachter, als TV-Experte für SRF, im Val di Fiemme dabei. Freuen Sie sich auf die Rückkehr?
«Ja, ich finde das schön, Val di Fiemme ist ein Traditionsort. Vor vier Jahren oder auch noch früher wäre ich sehr gerne da gelaufen. Auch von den Erfolgen her, die ich hier hatte, ist es cool. Es sind schöne Strecken, und es wird bestimmt eine gute Stimmung geben. Und für die Athleten ist es sicher gut, man weiss, wie alles funktioniert. Das ist auf jeden Fall eine etwas andere Ausgangslage als bei den letzten Spielen. Ausser in Sotschi bin ich vor Olympia auf den jeweiligen Strecken nie gelaufen.»
Sie haben im Val di Fiemme viele Ihrer grössten Siege gefeiert.
«Der erste Erfolg an der Tour de Ski war ein bisschen der Durchbruch. Bei den Weltmeisterschaften ist es nicht immer so gut aufgegangen wie bei Olympia. Der WM-Titel im Skiathlon war ein cooler Sieg. Ein sehr schöner Tag mit super Stimmung.»
Nun sind Sie im vierten Jahr als TV-Experte. Wie haben Sie den Wechsel erlebt?
«Es war ein Herantasten, am Anfang war es schon etwas ungewohnt. Aber ich habe mich schnell wohl gefühlt, es hat natürlich geholfen, dass ich nahe dran bin und viel zu erzählen weiss.»
Müssen Sie manchmal aufpassen, dass Sie nicht zu viel erzählen?
«Man muss da ein bisschen ein Gespür haben. Wenn du jemanden aus der Schweiz sehr nahe kennst, ist vielleicht nicht alles, was man im persönlichen Gespräch erfährt, für das Fernsehen bestimmt. Das darf man nicht ausnutzen, aber das ist nicht so ein Problem, das kann man gut unterscheiden.»
Sie sprechen also immer noch mit Ihnen.
(schmunzelt) «Ja. Manche sind ja auch noch wirklich gute Kollegen, da spricht man sowieso oft miteinander, da geht es nicht immer darum, etwas fürs Fernsehen zum Erzählen zu haben. Es ist wichtig, dass die Athleten spüren, dass es ein Miteinander sein soll.»
Ist dies für Sie auch eine schöne Art, mit dem Spitzensport verbunden zu bleiben?
«Genau. Für mich ist das ein guter Weg. Ich wollte nicht unbedingt im Team, als Trainer oder Betreuer, einsteigen und wollte auch ein bisschen Abstand. Ich muss nicht die ganze Zeit unterwegs sein, war jetzt aber doch zweimal an einer WM, jetzt dann an Olympia und kann mein Wissen weitergeben. Das finde ich spannend.»
Was erwarten Sie bei Olympia sportlich? Kann Klaebo sechs Mal Gold gewinnen?
«An der WM letztes Jahr hat er es gemacht. Der Einzelstart im Skating über 10 km ist wahrscheinlich sein grösstes Problem. Klassisch wäre es eher etwas für ihn, aber auch da war es letztes Jahr knapp. Da ist er jetzt nicht mein erster Favorit, aber möglich ist es auf jeden Fall.»
In der Schweiz wurde zuletzt wieder geklagt, dass starke Skifahrer wegen der Länderquoten nicht bei Olympia starten können. Im Langlauf sind wir aber froh um die Länderbeschränkungen, oder?
«Die Diskussion gibt es gerade in Norwegen auch. Es gibt immer Nationen, die in einem Sport dominieren. Es war immer so, dass es bei Olympia einfacher ist, in die Top 10 oder Top 20 zu laufen als im Weltcup, wo es sieben oder acht Norweger hat, bei Olympia sind es vier. Zu gewinnen ist aber immer noch gleich schwierig. Viele sagen, im Langlauf sei es langweilig, weil die Norweger zu dominant sind. Im Alpinen sind wir Schweizer ja auch oft dominant. (lacht) Aber da stört es uns natürlich nicht.»
Was trauen Sie den Schweizer Langläuferinnen und Langläufern bei Olympia zu?
«Die Ausgangslage ist nicht so schlecht. Immerhin haben wir Medaillenchancen. Mit Nadine Fähndrich haben wir auf jeden Fall eine Chance im Einzelsprint, sicher auch in den beiden Teamsprints bei Frauen und Männern. Da sind wir ja dann froh, dürfen Norweger oder Schwedinnen nur ein Team stellen.»
Warum ist die Schweiz im Sprint deutlich besser als auf der Distanz?
«Das ist eine gute Frage. Es kommt ja auch wenig von den Jungen, die sind weit weg.»
Ist es einfacher, die Jungen für den Sprint zu motivieren, weil es da mehr Action gibt?
«Vom Training her ist es nicht mega unterschiedlich. Vielleicht ist man im Sprint ein bisschen schneller vorne dabei. Nehmen wir Isai Näff als Beispiel. Er hat bei den Junioren auch im klassischen 10er eine Medaille gemacht, aber momentan ist er dort recht weit weg, vor allem im Vergleich zum Sprint, wo er sehr gut ist. Da besteht eine Gefahr, dass er jetzt zum reinen Sprinter wird. Da müssen wir sicher ein bisschen aufpassen. Bei den Frauen ist es vor allem Nadja Kälin, die in den Distanzrennen in die Top 10 laufen kann.»
Ist es für den Langlauf in der Schweiz ein Problem, wenn es immer weniger Schnee hat?
«Das ist schon ein Problem, für alle Wintersportarten. Wenn du im Flachland, zum Beispiel rund um Zürich am Bachtel oder in Einsiedeln, Schnee hast, kriegst du auch viel mehr Kinder auf die Ski. Ohne Schnee bekommst du weniger Leute zum Langlaufen und Ausprobieren. Das ist sicher keine gute Entwicklung.»
Im Langlauf passieren nur selten Überraschungen. Haben Sie als TV-Experte Ideen, wie man den Sport fürs Fernsehen attraktiver machen könnte?
«Bei uns wäre es wichtig, dass Schweizer vorne dabei sind. Zu meiner Zeit wurde sicher mehr geschaut. Allgemein mischen zu wenige Nationen vorne mit, zu meiner Zeit war es breiter verteilt. Heute sind es bei den Männern praktisch nur die Norweger, das hilft sicher nicht. Man sieht das auch in anderen Sportarten, dass es wichtig ist, dass Schweizer vorne dabei sind.»
Könnte man zum Beispiel den Läufern Pulsmesser anlegen und die Werte zeigen, damit man die Belastung während dem Rennen am TV mitverfolgen kann? Oder wie der Puls bei einer heiklen Abfahrt hochgeht?
«Da könnte man sicher einiges mehr machen. Aber man sollte auch schauen, dass es nicht zu viel wird, damit man die Zuschauer nicht überfordert.»
Liegt es auch daran, dass die Skandinavier dominieren, für die es so funktioniert und die eher traditionell eingestellt sind?
«Eigentlich hat man im Langlauf doch recht viel gemacht. Es gibt ja schon den Sprint, den Massenstart oder den Skiathlon. Mit der Tour de Ski hat man auch ein innovatives Format geschaffen. Da kann man nicht sagen, dass nichts gemacht wurde. Es stimmt aber, dass es vielleicht nicht die spektakulärste Sportart ist zum Zuschauen.»
Dafür müsste man vielleicht noch Hindernisse, kleine Schanzen oder so, einbauen.
«Ja, aber dann ist es nicht mehr Langlauf. Man kann einen Sport nicht komplett verändern.»
Sie engagieren sich aktiv für Olympische Spiele 2038 in der Schweiz. Wie gross schätzen Sie die Chancen ein?
«Die Hoffnung ist natürlich gross. Mit dem privilegierten Dialog hat man eine einmalige Chance. Wenn nicht jetzt, dann wird es wahrscheinlich schwierig. Man hat vom IOC die Möglichkeit bekommen, wenn man das hinkriegt bis 2027, dass man die Spiele erhält. Das IOC ist interessiert an Ländern wie der Schweiz.»
Sind wir denn bereit dafür?
«Ich habe gespürt, dass manche Leute ein bisschen negativ eingestellt sind, vielleicht auch wegen diesen Spielen in Russland, Korea oder China. Aber man will in eine andere Richtung, mehr Infrastruktur nutzen, die besteht, um nachhaltiger zu werden. Ich glaube, genau das kann die Schweiz bieten.»
