Mehrere Sieganwärter, aber einer überstrahlt alle
Am Ort, an dem er erstmals ein Abfahrtspodest bestieg, kann Marco Odermatt die nächste grosse Geschichte schreiben. Er ist bei der Olympia-Abfahrt am Samstag der Mann, den es zu schlagen gilt.
Betritt Marco Odermatt den Raum, wird es entweder sehr laut oder sofort ruhig. Der Nidwaldner verfügt über eine Strahlkraft, die über die Schweiz hinausreicht. Kein Wunder also, dass für einmal auch zahlreiche Reporter aus dem Ausland an der Medienkonferenz von Swiss-Ski in Bormio anwesend sind. Dass sie in erster Linie wegen Odermatt gekommen sind, zeigt sich auch daran, dass sie die nach ihm auftretenden Athleten über den Nidwaldner ausfragen.
So möchte ein englischsprachiger Journalist von Alexis Monney wissen, wie gross Ski alpin allgemein und speziell Odermatt in der Schweiz seien. Die Frage zeigt: Ski alpin ist keine Weltsportart und geniesst nicht überall grösste Beachtung. In der Schweiz jedoch gehöre Ski zu den wichtigsten Sportarten, erklärt Monney. Mit einem Schmunzeln fügt er an: «Und Marco ist schon fast wie Roger Federer. Es ist schwierig, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen.»
Den Vergleich mit dem Tennis-Maestro hat Odermatt nicht mehr mitbekommen. Er würde wohl abwinken, solche Einordnungen mag er ohnehin nicht. Unbestritten ist hingegen, dass kein anderer Fahrer den Skisport in den letzten Jahren so geprägt hat wie er. Viermal in Folge hat Odermatt nun den Gesamtweltcup gewonnen, jedes Mal mit grossem Abstand. Auch in diesem Winter dominiert der 28-Jährige, und am stärksten präsentierte er sich bisher in der Abfahrt. Drei Siege, zweimal Platz 2 und einmal Platz 4 – seine Resultate lassen keine Fragen offen: Odermatt ist am Samstag der grosse Favorit auf Olympiagold.
Noch kein Abfahrtssieg in Bormio
Nur wenig spricht gegen einen Erfolg. Ein Punkt wäre, dass Odermatt in Bormio noch nie eine Abfahrt gewonnen hat. Ob er die Stelvio vielleicht nicht so möge, wird er deshalb gefragt. «Doch, ich mag die Piste sehr», entgegnet Odermatt. Schliesslich habe er hier – neben zwei Siegen im Super-G – sein erstes Abfahrtspodest überhaupt erreicht. Das war vor gut vier Jahren, im Dezember 2021, unmittelbar vor seinen ersten Olympischen Spielen. Er blieb knapp hinter Dominik Paris zurück, der damals seinen bislang letzten von sechs Abfahrtssiegen in Bormio feierte.
Auf diese eindrückliche Zahl verweist Odermatt, als es darum geht, die weiteren Sieganwärter aufzuzählen. «Domme» (Paris) müsse man hier einfach immer auf der Rechnung haben. Der grösste Konkurrent dürfte allerdings aus dem eigenen Team kommen: Franjo von Allmen reist als Weltmeister und achtfacher Weltcup-Podestfahrer in der Abfahrt an seine ersten Winterspiele. Auch Alexis Monney, der in der letzten Saison als erst zweiter Schweizer nach Didier Défago (2011) die Abfahrt in Bormio gewann, sowie der in diesem Winter gross aufkommende Giovanni Franzoni zählen zu den Medaillenkandidaten.
Und dann schreibe Olympia immer auch seine eigenen Geschichten, fasst Odermatt zusammen: «Es geht nicht ums Punktesammeln, es zählen nur die Medaillen. Es ist eine etwas andere Ausgangslage, die immer mal wieder für Überraschungen sorgt.»
Weniger Druck als in Kitzbühel
Dass er in praktisch jedem Rennen als Favorit gilt und eine entsprechend hohe Erwartungshaltung herrscht, daran hat sich Odermatt inzwischen gewöhnt. An Olympia spüre er diesen Druck aber sogar etwas weniger als zuletzt in Kitzbühel. Dort hat er bereits mehrmals den erhofften Abfahrtssieg verpasst, während er erst zum zweiten Mal überhaupt in eine Olympia-Abfahrt startet. Vor vier Jahren besass er in dieser Disziplin zudem noch nicht das gleiche Standing wie heute. Deshalb bezeichnet er es als seine «erste richtige Chance» auf Abfahrtsgold.
Druck fällt zudem weg, weil er in Peking bereits Gold im Riesenslalom gewonnen hat. Olympiasieger ist Odermatt schon, das kann ihm niemand mehr nehmen. Nun kann er weiter an seinem Legenden-Status arbeiten. Er wäre der erste Schweizer Skifahrer, der mehr als eine Olympia-Goldmedaille gewinnt. Bei den Frauen ist das bislang drei Schweizerinnen gelungen: Vreni Schneider (3), Marie-Theres Nadig und Michelle Gisin (je 2).
Und die Abfahrt ist ja nicht seine einzige Chance. Bestreitet er auch die Team-Kombination («die Chance ist da, aber noch nichts definitiv entschieden»), hätte Odermatt vier Möglichkeiten auf Gold. An mögliche Rekorde möchte er jedoch nicht denken: «Jede Medaille wäre eine Riesenleistung», sagt er. «Und wer Olympiasieger werden kann, nimmt das in jeder Disziplin.» Dass der Abfahrtssieg dennoch eine ganz besondere Bedeutung hätte, verschweigt Odermatt nicht: «Weil es einfach die Königsdisziplin ist.»
