Lindsey Vonns Comeback endet im Rettungshelikopter
Betretene Stille statt High-Noon: Statt zu einer zweiten Goldmedaille rast die 41-jährige Lindsey Vonn mit ihrem gerissenen Kreuzband ins Verderben. Ihr grosser Auftritt endet im Rettungshelikopter.
Es ist alles angerichtet unter den imposanten Felsen des Tofane-Massivs. Die Sonne scheint, kein Nebel wie in den Trainings, Lindsey Vonn trägt die vielsagende Startnummer 13 und um Punkt 12 Uhr hält die Sportwelt den Atem an, als sich Vonn im Starthaus bereit macht.
Für diesen Moment hatte sie fünf Jahre nach ihrem Rücktritt und mit einer Teilprothese im rechten Knie ein Comeback gegeben. Diesen Moment wollte sie sich nicht einmal von einem vor einer Woche in Crans-Montana erlittenen Kreuzbandriss im linken Knie nehmen lassen. Sie wäre sonst die Topfavoritin gewesen – und selbst so musste man ihr alles zutrauen.
Schockstarre und Schmerzensschreie
Dann dauert es dreizehn Sekunden, und im Zielstadion von Cortina wird es von einem Moment auf den anderen mucksmäuschenstill. Vonn wird von der ersten Welle dieser tückischen Piste Olimpia delle Tofane abgeworfen und bleibt im Schnee liegen. Im Stream sind ihre Schmerzensschreie zu hören – fast nicht zu ertragen. Die Zuschauer an der Strecke erfasst eine Art Schockstarre.
Alle waren sie gekommen, von Rapper und Superblogger Snoop Dogg bis FIS-Präsident Johan Eliasch. Die Abfahrt war wegen Vonn zum «Must-See-Event» dieser Olympischen Spiele geworden, nun wird sie zum ultimativen Drama. Nach fast endlosen Minuten wird die Amerikanerin schliesslich am Seil des Helikopters abtransportiert. Eliasch spricht danach von «einer Tragödie».
Bitter-süsser Tag für die Amerikanerinnen
Wie nahe Freud und Leid beieinander liegen, zeigt sich im amerikanischen Team. Während Vonn wohl bereits in einem Spital angekommen ist, jubelt Breezy Johnson auf dem Podest über Gold – auf den Tag genau ein Jahr nach dem WM-Titel in Saalbach. Ein Weltcuprennen hat Johnson trotz neun Podestplätzen noch keines gewonnen.
«Es ist süss-sauer», stellt Johnson in Bezug auf ihre elf Jahre ältere Landsfrau fest. «Skifahren kann einfach ein brutaler Sport sein.» Sie ist nach Vonn 2010 erst die zweite Amerikanerin, die in der alpinen Königsdisziplin triumphiert. «Meinen Namen neben ihrem zu sehen, ist schon sehr speziell», sagt Johnson. «Auch wenn ich nie in ihrer Kategorie sein werde.»
Vonn wird bereits am Abend im Spital von Treviso operiert. Dieses bestätigt, was bereits zuvor durchgesickert war: Sie erlitt einen Bruch im linken Bein. Lindsey Vonns Traum – und aller Wahrscheinlichkeit nach eine grosse Karriere – endet im Schnee von Cortina.
