Trainer Nydegger weiss, was Von Allmen für den Erfolg braucht
Franjo von Allmen begeistert an seinen ersten Olympischen Spielen auch seinen langjährigen Begleiter Reto Nydegger. Der Speed-Trainer erklärt, was aus seiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg war.
Unerwartet – dieses Wort fällt Reto Nydegger nach dem dritten Gold-Triumph von Franjo Von Allmen zuerst ein. Nicht, weil er den 24-Jährigen unterschätzt hätte, sondern weil er sich grundsätzlich nie von Euphorie leiten lässt. «Ich gehe bei jedem Rennen an den Berg und denke: Vielleicht gehen wir heute leer aus.» Denn selbst bei einem so starken Team wie dem der Schweiz bleiben im Skisport viele Faktoren unberechenbar.
Umso grösser ist die Freude, wenn alles aufgeht: Fünf Medaillen haben die Schweizer Alpinen nach drei Rennen geholt. Von Allmen überstrahlt mit seiner dritten Goldmedaille aber alles. «Damit konnte und durfte man nicht rechnen», sagt Nydegger. «Bei Franjo geht im Moment einfach alles auf. Das soll er geniessen, im Sport kann es schnell anders laufen.»
Crans-Montana als Schlüssel
Entscheidend für Von Allmens Erfolg war aus Nydeggers Sicht die Abfahrt in Crans-Montana kurz vor den Winterspielen. Der 24-Jährige gewann dort mit grossem Vorsprung auf die Konkurrenz und konnte damit die Enttäuschung von Kitzbühel sofort abschütteln. «Dieses Rennen gab ihm Sicherheit und zeigte ihm: Ich muss nichts Verrücktes machen, nur sauber fahren.»
Auch die Rahmenbedingungen in Bormio seien ideal. Das Team-Hotel liegt gleich neben der Seilbahn zur Piste. «Die Fahrer können nach der Besichtigung zurück, sich hinlegen, wenn nötig. Dazu gibt es gutes Essen, und am Nachmittag spielen wir Pingpong oder etwas anderes», erzählt der Trainer. Das helfe, den Kopf freizubekommen und Spannung neu aufzubauen.
Nachtruhe nach Kombi-Gold
Ein zentraler Faktor bleibt für Nydegger aber die Erholung. Bei Olympischen Spielen kommt diese oft zu kurz: Medaillenfeiern und Interviews kosten Energie, gefeiert wird manchmal bis spät. So war es jedenfalls nach dem Sieg vom Samstag. «Ich sagte nach der Abfahrt zwar, wir geben nicht Vollgas», sagt Von Allmen rückblickend. «Aber leider bin ich manchmal ein bisschen labil.»
In der Team-Kombination wurde der doch etwas längere Ausgang fast zum Problem, im unteren Teil ihm fehlte Kraft. Gold sicherte Tanguy Nef, der im Slalom von Rang 4 auf 1 fuhr. Bei der nächsten Feier sagte Nydegger deshalb zu Von Allmen: «Heute sind wir beide vor Mitternacht im Bett.» Den Polizisten habe er aber nicht spielen müssen. «Franjo war auch müde. Ausserdem wussten wir beide: Da liegt noch etwas drin.»
Odermatt einmal nur in zweiter Reihe
Marco Odermatt kennt das Gefühl, wenn alles läuft. Er reiste als grosser Favorit an, besonders in den Speed-Disziplinen, auf die er in der Vorbereitung den Fokus gelegt hatte. Nun stehen Rang 4 in der Abfahrt, Silber in der Team-Kombi und Bronze im Super-G zu Buche. Für viele wäre das eine hervorragende Ausbeute, doch für jemanden wie Odermatt zählt inzwischen nur Gold. Über Bronze im Super-G sagt er, er sei zufrieden, «aber nicht überglücklich».
«Odi kam mit anderen Erwartungen hierher», sagt Nydegger. Vor allem die Abfahrt, als unklar blieb, wo Zeit verloren ging, belastete ihn. Gemeinsam analysierten sie die Fahrt. «Er braucht das, um abzuschliessen und den Kopf frei zu bekommen.» Auch die Zeit mit seinen Liebsten habe ihm geholfen – in der Abfahrt der Team-Kombi war er vor Von Allmen. Im Super-G schlug der Berner Oberländer jedoch wieder zurück.
Am Ende machte die Unbekümmertheit den Unterschied, glaubt Nydegger. «Für Franjo sind es die ersten Spiele. Er fährt befreit und lässt sich vom Trubel nicht beeinflussen. Das zeichnet ihn aus.»
