Loïc Meillard zwischen Stolz, Erleichterung und Vorfreude
Nach Franjo von Allmen und Marco Odermatt gewinnt auch Loïc Meillard drei Olympiamedaillen. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA blickt er auf die letzten Tage zurück.
Innert eines Jahres hat Loïc Meillard im Schweizer Ski alpin der Männer zwei historische Durststrecken beendet. Am 16. Februar 2025 gewann er als erster Schweizer seit 75 Jahren den Weltmeistertitel im Slalom, genau ein Jahr später folgte Olympia-Gold – als erster Schweizer Slalomfahrer seit 78 Jahren. Mit diesem Triumph krönte der 29-Jährige seine konstant starken Leistungen an Grossanlässen.
Keystone-SDA erreicht Meillard am Dienstag auf der Heimfahrt in die Schweiz. Im Interview spricht er über seine Gefühle beim Warten im Zielraum, das Lernen aus Enttäuschungen und warum Geduld der Schlüssel zu seinem Erfolg war.
Loïc Meillard, wie fühlen Sie sich am Tag nach Ihrem Olympiasieg?
«Ich bin stolz, zufrieden und auch erleichtert. In den letzten Wochen habe ich mit diesem Ziel im Kopf extrem viel trainiert. Wenn es dann aufgeht, ist das ein unglaubliches Gefühl. Es zeigt, dass wir richtig gearbeitet und den richtigen Plan verfolgt haben.»
Hinter jedem Erfolg steckt eine Geschichte. Welche steckt hinter Ihrem Olympiasieg im Slalom?
«Man muss dazu meine ganze Saison anschauen. Es waren immer wieder gute Läufe dabei, aber eigentlich nie zwei perfekte. Gerade im Slalom, in dem es so viele Fahrer gibt, die gewinnen können, müssen wir alles ausreizen. Dadurch gab es immer wieder kleine Fehler oder Unsicherheiten. Und dann war der Olympia-Slalom auch noch das letzte Rennen dieser Winterspiele. Man ist müde, die Saison war lang, die Spiele intensiv. Trotzdem will man gut abschliessen. Man muss sich noch einmal zusammenreissen, Energie mobilisieren, den Fokus halten und Gas geben. All das war Teil dieser Medaille.»
Nach Ihrem Sieg knieten Sie im Zielraum. Was ging Ihnen durch den Kopf?
«Ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Es war aber sicher nicht nur ein Gefühl, sondern ganz viele gleichzeitig. Es tat mir leid für Atle, denn ich weiss, wie sich das anfühlt. Erfolg und Enttäuschung sind gerade im Slalom nahe beieinander, das ist vielleicht der schwierigste Teil dieser Disziplin. Und gleichzeitig wird einem bewusst, was ein Sieg bedeutet. Es war wohl eine Mischung aus Stolz und Mitgefühl.»
Sie mussten in Ihrer Karriere auch Rückschläge verkraften. Was haben Sie daraus gelernt?
«Dass das Leben weitergeht. So ist es aber auch beim Erfolg. Wenn es läuft, ist alles perfekt – aber am nächsten Tag geht die Arbeit weiter. Und wenn es nicht läuft, tut es weh. Aber auch dann muss man am nächsten Tag wieder arbeiten. Die Emotionen sind anders, aber das Leben ändert sich nicht.»
Und jetzt nehmen Sie nicht nur Gold, sondern einen kompletten Medaillensatz von den Spielen nach Hause. Was bedeutet das Ihnen?
«Das war von Anfang an ein Ziel, darauf habe ich hingearbeitet. Dass es dann tatsächlich aufgeht, ist unglaublich. Viele Athleten verfolgen dieselben Träume, alle wollen vorne stehen. Wenn man dann an jeden Tag feiern kann, ist das schon speziell.»
Sie haben an der letzten WM in drei Rennen drei Medaillen gewonnen und das nun an Olympia wiederholt. Woher nehmen Sie diese mentale Stärke?
«Ich glaube, sie resultiert vor allem aus den Enttäuschungen. Aus den Momenten, in denen es nicht so gelaufen ist, wie ich es mir gewünscht habe. Gerade dort habe ich am meisten gelernt. Ich habe versucht, Lösungen zu finden, damit sich dieselben Fehler nicht wiederholen. Über die Jahre war meine Karriere eine ständige Entwicklung, eine Art Progression. Ich habe immer wieder analysiert, angepasst, weitergelernt. Diese Fähigkeit, sich immer wieder neu einzustellen und aus Rückschlägen etwas mitzunehmen, gibt Sicherheit. Und wahrscheinlich auch mentale Stärke.»
Ihre Slalom-Teamkollegen sagen, Sie seien im Training seit Jahren kaum zu schlagen gewesen. Was hat es gebraucht, um das konstant im Wettkampf umzusetzen?
«Ja, es hat Zeit gebraucht, bis ich die Stabilität gefunden habe, um im Wettkampf konstant das zu zeigen, was ich mir vorstelle. Aber ein anderes Rezept, als weiter hart an mir zu arbeiten, gibt es nicht. Und: Bis heute klappt es nicht immer. Wir versuchen jedes Mal 100 Prozent zu geben. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.»
Geduld scheint ein Schlüsselbegriff in Ihrer Karriere zu sein.
«Für jede Karriere ist Geduld entscheidend. Nicht aufgeben, weiterarbeiten, dranbleiben. Es gibt Athleten, bei denen funktioniert alles sofort. Andere müssen sich alles erarbeiten. Aber gerade das ist das Schöne: Mit harter Arbeit und Geduld kann man sehr viel erreichen. Nichts kommt von allein.»
Wie haben Sie die Olympischen Spiele in Bormio als Anlass erlebt?
«Ich fand, es war gut organisiert. Rund um die Rennen lief alles reibungslos. Klar, es gibt immer Diskussionen über Piste, Schnee oder Stimmung. Aber am Ende ist es egal: Der Schnellste gewinnt. Das ist bei jedem Rennen so.»
Haben Sie wie andere Skifahrer den Olympia-Spirit vermisst?
«Nein. Es waren Fans da, viele Leute. Unsere Familien waren vor Ort und das war für mich das Wichtigste. Ich bin nicht dort, um andere Sportarten zu schauen, sondern um mein Rennen zu fahren und mein Bestes zu geben. Wenn Zeit bleibt, verfolgt man anderes gerne im Fernsehen. Aber am Wettkampftag zählt nur die eigene Leistung.»
Am Mittwoch fährt Ihre Schwester Mélanie den Slalom. Haben Sie Ihr noch etwas mitgegeben?
«Wir hatten nur kurz Kontakt, es war viel los. Aber ich werde heute wahrscheinlich nochmals mit ihr sprechen und morgen vom Sofa aus die Daumen drücken.»
Im Weltcup stehen dann noch je zwei Slaloms und Riesenslaloms an. Ist der erste Gewinn einer dieser Kristallkugeln in Ihrem Kopf?
«Eigentlich nicht. Die Abstände zur Spitze sind ja doch etwas gross. Im Kopf ist nur: viermal gut fahren. Schnell sein. Um den Sieg kämpfen. Dann schauen wir, was herauskommt. Mehr braucht es nicht.»
Im Sommer werden Ihre Lebenspartnerin und Sie erstmals Eltern. Was löst das in Ihnen aus?
«Ich habe es schon im Fernsehen gesagt: Die schönste Medaille kommt noch. Es ist ein wunderschöner Abschnitt, der uns erwartet. Ich freue mich riesig darauf.»
