Nach Florian Wirtz kommt Erling Haaland
«Es gibt nur einen Flo Wirtz», sagte Granit Xhaka nach dem 3:4 im Testspiel vom Freitag. Der deutsche Offensivspieler war an allen vier Treffern beteiligt und legte schonungslos offen, wann die Schweizer Probleme auftreten können: Dann nämlich, wenn die Ordnung fehlt und es schnell wird.
Dabei war die Defensive zuletzt eigentlich der Stabilitätsfaktor im Schweizer Spiel. Nach dem Abstieg aus der Nations League und 14 Gegentoren in sechs Spielen hatte Trainer Murat Yakin reagiert und auf Kontinuität gesetzt. Sieben Partien in Folge begann die Schweiz mit derselben Viererkette: Silvan Widmer, Nico Elvedi, Manuel Akanji und Ricardo Rodriguez.
Die Erfahrung dieser Abwehr ist unbestritten. Doch gegen Topgegner zeigt sich auch ihre Kehrseite: Fehlendes Tempo lässt sich nicht immer kompensieren. Und nun kommt in Oslo bereits der nächste Härtetest auf die Verteidiger zu.
Haaland wieder dabei
Erling Haaland steht exemplarisch für die neue Stärke Norwegens. Die Norweger haben alle acht WM-Qualifikationsspiele gewonnen und dabei 37 Tore erzielt. Das ergibt den herausragenden Schnitt von 4,625 Treffern pro Spiel – der klare Bestwert der Qualifikation in Europa. Dass dieser nicht nur gegen zweitklassige Gegner zustande kam, zeigen die beiden Duelle mit Italien, die Norwegen mit 3:0 und 4:1 für sich entschied.
Haaland ist dabei der entscheidende Faktor: 55 Tore in 48 Länderspielen sprechen für sich. Zum Vergleich: Der Schweizer Rekordtorschütze Alex Frei hat 42 Treffer in 84 Partien erzielt. Haaland blieb in den letzten 14 Partien für Norwegen nur einmal ohne Treffer. Er braucht oft nur eine Szene, genau das macht ihn für die Schweizer so gefährlich.
Beim Testspiel am Freitag, das Norwegen gegen die Niederlande 1:2 verlor, wurde Haaland noch eine Pause gegönnt. Am Sonntag bestätigte Trainer Stale Solbakken gegenüber norwegischen Medien aber, dass der Stürmer gegen die Schweiz wieder dabei sein und aller Voraussicht nach auch in der Startaufstellung stehen wird. Nach Florian Wirtz im St. Jakob-Park bekommt es die Schweizer Abwehr im Ullevaal-Stadion also mit dem nächsten Ausnahmespieler zu tun.
Zwischen Festigen und Ausprobieren
Das wollte Murat Yakin aber auch so. «Wir freuen uns, gegen zwei Teams zu spielen, die zu den Besten in Europa gehören», sagte der 51-jährige Nationaltrainer im Vorfeld. Das sei für seine Mannschaft ein schöner Vergleich im Hinblick auf die Endrunde im Sommer, an der «die beste WM einer Schweizer Nati» gezeigt werden soll. Gleichzeitig wird er auch das zweite Testspiel des WM-Jahres dazu nutzen, möglichst viele Spieler einzusetzen, um möglichst viele Erkenntnisse zu gewinnen.
Was er schon weiss: Die WM rückt näher, und die Frage nach der defensiven Stabilität bleibt zentral. Gegen Deutschland wurde sichtbar, wie anfällig die Schweiz werden kann, wenn sie unter Druck gerät und in direkte Duelle gezwungen wird. Norwegen wird genau das suchen.
Letztes Duell vor fast 13 Jahren
Duelle mit Norwegen sind selten geworden, das letzte liegt zwölfeinhalb Jahre zurück. Im September 2013 machte die damals von Ottmar Hitzfeld trainierte Mannschaft mit dem 2:0-Auswärtssieg einen grossen Schritt Richtung Qualifikation für die WM 2014. Es war der erst sechste Sieg im 19. Aufeinandertreffen. Die Rollen haben sich seither verschoben. Norwegen ist erstmals seit 1998 wieder an einer WM dabei und gilt dank der starken Qualifikation als Geheimtipp.
Xhaka, der wie Rodriguez schon beim letzten Aufeinandertreffen in Norwegens Hauptstadt dabei war und am Dienstag sein 145. Länderspiel bestreiten dürfte, forderte nach dem Spiel gegen Deutschland weniger Eigenfehler. Gegen Norwegen ist das entscheidend. Denn eines ist klar: Es gibt nur einen Florian Wirtz – aber eben auch nur einen Erling Haaland.
