40-jähriger Neuer als «X-Faktor»
Der neue Tag war schon angebrochen, als Manuel Neuer seine Teamkollegen unter dem rhythmischen Klatschen der Edelfans zum Bankett in den Ballsaal des Team-Hotels anführte. Danach bekam der Mann des Abends noch einen Sonderapplaus, als Vorstandschef Jan-Christian Dreesen den Captain in seiner Rede nach dem 2:1 im «europäischen Clasico» aus «unserer fantastischen Mannschaft» noch explizit hervorhob.
«Wir hatten heute etwas in unserem Spiel, was Real Madrid so nicht hatte. Wir hatten unseren ‚X-Faktor‘, unseren Vierziger, unseren Torhüter von Weltklasse-Format. Manuel, du warst heute ausserordentlich», sagte Dreesen.
Diesmal verliess Neuer das berühmte Estadio Santiago Bernabeu als Triumphator – zwei Jahre nach seinem folgenschweren Fehler beim bitteren Halbfinal-Aus gegen die Königlichen. Neuer hatte wenige Tage nach dem 40. Geburtstag die Auszeichnung als «Man oft the Match» mehr als verdient. Sogar die spanische Zeitung «As» huldigte am Mittwoch Bayerns Torhüter. «Neuer zeigte eine heldenhafte Leistung», war im Blatt zu lesen.
«Es war ein wichtiges Spiel für mich»
Neuer war mit seinen Reflexen, seiner Ausstrahlung, seinen Aktionen als «Libero» auch ausserhalb seines eigentlichen Hoheitsgebietes, dem Strafraum, der Matchwinner – auch wenn die Offensiv-Asse Luis Diaz und Harry Kane die spielentscheidenden Torschützen waren. Es war nach 25 Jahren der erste Erfolg der Bayern im Bernabeu in der regulären Spielzeit. Nach zuvor neun sieglosen Partien gegen die Königlichen war der Fluch durchbrochen.
«Es war ein wichtiger Tag, ein wichtiges Spiel für mich», sagte Neuer nach etlichen Glanztaten gegen Reals Stürmerstars Kylian Mbappé und Vinicius Junior. Er stand bei diesen Worten in den Stadion-Katakomben exakt an dem Ort, an dem er im Mai vorletzten Jahres seinen Aussetzer bei einem Schuss von Vinicius Junior, der die 1:2-Niederlage einleitete, mit «einem minimalen Maulwurf im Platz» zu erklären versucht hatte. «Im Prinzip habe ich ein ähnliches Spiel damals gemacht», sagte Neuer nun voller Genugtuung bei der Rückkehr in Reals Fussball-Tempel.
In seinem 158. Spiel in der Champions League war er nur beim Anschlusstor des starken Mbappé machtlos. Danach warnte Neuer mit Blick auf das Rückspiel am kommenden Mittwoch: «Es ist der erste Schritt gewesen. In München erwartet uns noch ein hartes Stück Arbeit.»
Entscheid über Zukunft «später»
Neuers Leistung vor den Augen der Fussball-Welt war so gut, dass gleich wieder Reporterfragen nach einer Rückkehr ins Nationalteam und einer doch noch fünften WM auf ihn einprasselten. «Wir brauchen das Thema überhaupt nicht aufzumachen», wehrte der Weltmeister von 2014 gleich mehrfach energisch ab. «Ich habe meine Sachen dazu gesagt. Ich konzentriere mich auf den FC Bayern.»
Der Einzug in den Halbfinal gegen Titelverteidiger Paris Saint-Germain oder den FC Liverpool, die Jagd nach seinem dritten Triple nach 2013 und 2020 – das treibt Neuer aktuell an. Immer noch ist offen, was er im Sommer macht. Noch ein Jahr bei Bayern? Oder hört er doch auf? Einen Zeitpunkt für diesen Entscheid, sagte Neuer in Madrid, gebe es «im Moment nicht».
Die zurückliegenden zwei Muskelverletzungen an der Wade hätten seinen ursprünglichen Zeitplan durchkreuzt. Er wollte eigentlich im Februar und März herausfinden, auf «welcher Höhe er noch sei». Da war er dann zweimal verletzt. «Viele Faktoren spielen eine Rolle – auch, wie es mir gesundheitlich geht», erklärte Neuer. «Die ‚Crunchtime-Performance‘, das fehlt mir noch. Wir haben alle Zeit der Welt, der Verein und ich. Da sind wir entspannt.»
Sportvorstand Max Eberl liess erkennen, dass der Verein nochmals mit seiner Nummer 1 verlängern würde. «Manuel hat hier mit Bravour geleistet und uns gerettet in der einen oder anderen Situation. Er möchte jetzt erst mal die Spiele im April machen. Er braucht auch keine grossen Argumente mehr zu liefern. Er soll einfach nur gesund bleiben. Und dann werden wir uns hinsetzen.»
