Charles Lewinsky behält auch mit 80 seine «Lizenz zum Lügen»
«Ich bin nie zum Schreiben gekommen, das Schreiben ist zu mir gekommen», sagt Autor Lewinsky im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Zwar habe er immer gewusst, dass er schreiben wolle, doch erst mit Mitte 30 machte er seine Leidenschaft zum Beruf.
Nach der Schule zog es ihn zunächst zum Theater. «Ich war schon immer theatersüchtig: Als Teenager sah ich im Schauspielhaus Zürich ‚Andorra‘ von Max Frisch und ‚Die Physiker‘ von Friedrich Dürrenmatt mit traumhaften Besetzungen. Da bin ich völlig vom Theaterbazillus infiziert worden.» Lewinsky schreibt auch heute noch «gerne immer mal wieder ein Stück».
«Es widerspricht einem keiner»
Nach dem Theater, wo er als Regisseur arbeitete, folgte die Zeit als Redaktor in der Unterhaltungssparte beim Schweizer Fernsehen. Bis er eines Tages genug hatte und fortan nur noch vom Schreiben leben wollte. Als freier Autor schrieb er zahlreiche TV-Shows und -serien, Drehbücher und Theaterstücke. Bekannt ist er unter anderem für die Kult-Sitcom «Fascht e Familie».
In seinen Büchern befasst sich Lewinsky viel mit historischen und gesellschaftskritischen Themen. Er hat bislang vierzehn Romane geschrieben und zahlreiche Preise gewonnen. International berühmt wurde er mit «Melnitz» (2006). Sein neuester Roman ist «Eine andere Geschichte», den er anlässlich seines 80. Geburtstags geschrieben hat.
«Man darf es gar nicht laut sagen, weil das so unkünstlerisch ist: Das Reizvolle am Schreiben ist die Lizenz zum Lügen», sagt Lewinsky. «Beim Schreiben kann man alles sein. Ich kann morgen auf den Mond reisen – überhaupt kein Problem. Es widerspricht einem auch keiner: Die Figuren sagen das, was man will.»
Gartenarbeit bis zum Geistesblitz
Charles Lewinsky lebt im Winter in Zürich. Zum Schreiben zieht er sich jedoch ein halbes Jahr in ein abgelegenes Dorf in Frankreich zurück. «Da gibt es keine Ablenkung», sagt er. Über den Sommer, vom Anpflanzen des Gemüsegartens bis zum Wiederaufräumen nach der Ernte: «Ich schreibe dort vor allem – aber man muss auch irgendetwas draussen machen, weil man sonst völlig verkrüppelt.»
Kommt er beim Schreiben an einer Stelle nicht weiter, kann er diese nicht einfach überspringen. Dann jätet er im Garten so lange, bis ihm das passende Detail oder der passende Vergleich einfällt. «Das ist eine Macke von mir.»
Mit seinen Büchern will Lewinsky keine Botschaften senden. «Ich gehöre zu der altmodischen Sorte Schriftsteller, die Geschichten erzählen wollen. Wenn ich Glück habe, regen sie den Leser zum Denken an – aber ich kann nicht bestimmen, was er denkt.»
Ausserdem bemüht er sich, wie er sagt, nie zweimal dasselbe Buch zu schreiben. «Meine Bücher sind alle anders: Sie haben eine andere Sprache, sind stilistisch völlig verschieden, sind manchmal sehr ernst, manchmal sehr komisch.»
Nach über 40 Jahren als freier Schriftsteller befasste sich Lewinsky in dem Buch «Sind Sie das?» (2021) mit der Frage, wie viel von seinem eigenen Leben in seinen Romanen steckt. Dabei fiel ihm auf, dass vieles aus seiner Jugend stammt. «Zu meiner grossen Überraschung habe ich nirgends eine Spur meiner Frau gefunden.» Dabei sei sie die wichtigste Person in seinem Leben.
Tochter als Muse
Lewinsky ist seit 57 Jahren verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn sowie drei Enkelkinder. Im vergangenen Oktober überraschte er seine Frau mit einer Feier zum 60. Jahrestag ihres Kennenlernens. Die Familie ist für ihn «das Zentrum», sagt er. Aber weil er immer noch arbeite, sei er nicht der klassische Grossvater.
Der Sohn Micha Lewinsky tritt in die Fussstapfen des Vaters und gibt bald sein drittes Buch heraus. Aber von seiner Tochter bekam Lewinsky einst «die klügste Kritik meines Lebens». Beim biografischen Roman «Gerron» merkte er nach 150 Seiten, dass etwas nicht stimmte.
Seine Tochter, die Historikerin ist, erklärte ihm, dass nicht die Geschichte, sondern die Erzählform falsch war. Daraufhin begann er noch einmal von vorne. Und das passiere gar nicht so selten: Es würden immer mal wieder Seiten «auf dem Geschichtenfriedhof landen».
Premierenfeier statt Geburtstagsparty
Alt fühlt sich Lewinsky trotz des anstehenden Achtzigsten nicht: «Alt ist, wer zurückschaut. Jung ist, wer sich auf das konzentriert, was man noch vorhat.» Mit der Anzahl Jahren habe das wenig zu tun. «Ich kenne so viele uralte 40-Jährige», sagt Lewinsky.
Zur Ruhe setzen will er sich auch nicht. «Warum soll ich mit dem, was ich besonders gerne mache, aufhören, solange mein Kopf mitmacht?»
Lewinsky wollte keine grosse Geburtstagsfeier. Für ihn ist es nur konsequent, dass er an diesem Tag seinen neusten Roman im Kaufleuten in Zürich präsentiert. Nach dem Gespräch mit Keystone-SDA gönnt er sich aber erst einmal einen Mittagsschlaf: «Das braucht ein alter Mann.»*
*Dieser Text von Young-Sim Song, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.
