Die ZSC Lions scheitern beim Versuch des Titel-Hattricks deutlich
Die Gesichter sind leer, kaum einer spricht, aus der Garderobe dringt kaum ein Geräusch nach aussen. «Ich habe den Spielern noch gar nichts gesagt», erklärt Cheftrainer Marco Bayer am späten Sonntagabend in den Katakomben des Davoser Eisstadions. «Im Moment bin ich einfach enttäuscht. Es tut weh.» Es ist ein Gefühl, das man beim erfolgsverwöhnten ZSC seit Langem nicht mehr erlebt hat. Zwei Jahre in Folge war man Schweizer Meister geworden, letzte Saison gewann man sogar die Champions League.
Dass es schwierig werden würde, war klar. Zu stilsicher, zu überzeugend war der HC Davos durch die Qualifikation und die Viertelfinals marschiert. Es war eine enge Halbfinalserie erwartet worden. Nach dem Overtime-Tor von Brendan Lemieux kommt das Lichterlöschen aber bereits nach fünf Spielen, einzig das erste Heimspiel in Zürich konnten die Lions gewinnen.
Fehlende Effizienz, fehlender Hunger
Die offensichtliche Analyse führt bei Bayer und Captain Patrick Geering zum gleichen Schluss. Es fehlte die Effizienz, man war zu wenig konsequent. «Wenn du gewinnst, hast du jedes Detail richtig gemacht», stellt Geering fest. «Wenn du verlierst, hast du halt zu wenige Details richtig gemacht. Es sind immer die Zentimeter, die entscheiden, und die konnten wir nicht auf unsere Seite zwingen.»
Seit der grosse EHC Kloten der 1990er-Jahre sogar viermal in Folge Meister wurde, hat kein Team mehr den Titel-Hattrick geschafft. Bayer hatte schon vor den Playoffs von «einer extrem schwierigen Saison» gesprochen. «Du kannst schon sagen, jetzt gehen wir für den dritten. Aber es gibt in gewissen Spielen trotzdem eine gewisse Zufriedenheit, die einfach da ist. Das ist menschlich.» Beim HC Davos, der erstmals seit dem 31. Meistertitel vor elf Jahren wieder im Final steht, ist der Hunger wohl das entscheidende Quäntchen grösser.
Am Ende spiegelt das letztlich deutliche Aus in den Playoffs auch diese schwierige Qualifikation, die die ZSC Lions «nur» auf dem 4. Platz abschlossen. Die Statistik ist aufschlussreich: Seit der nicht zu Ende gespielten Corona-Meisterschaft 2020 wurde viermal in Folge der Qualifikationssieger Meister, letztes Jahr war es der ZSC als Zweiter. Im Final stehen zum dritten Mal in fünf Jahren der Erste gegen den Zweiten, die beiden anderen Male war es der Erste gegen den Dritten. Die lange Qualifikation ist also alles andere als bedeutungslos. Bayer lacht trocken. «Gerade heute finde ich das aus unserer Sicht nicht gut», meint er. «Aber für die Liga ist es gut und richtig, dass es so ist.»
Das Fehlen von Oberlöwe Andrighetto
Richtig ist auch, dass die Zürcher in dieser Saison nicht nur mit dem Meisterblues, sondern auch mit einer Reihe von Verletzungen zu kämpfen hatten. Dem Löwen fehlten (zu) oft ein paar der schärfsten Zähne, mit Sven Andrighetto zuletzt wohl die absolute Schlüsselfigur. «Das darf keine Ausrede sein, das ist bei anderen Teams auch so», sagt Bayer zwar. Andrighetto ist aber wohl der eine Spieler, der selbst in einem so breit und hochkarätig besetzten Kader wie beim «Z» kaum zu ersetzen ist. Der MVP der meisterlichen Champions-League-Saison fiel seit dem dritten Viertelfinalspiel gegen Lugano mit einer Hirnerschütterung aus. «Er wollte unbedingt wieder aufs Eis», verrät Sportchef Sven Leuenberger. «Aber in dem Moment muss man den Spieler auch schützen.» Bis zum Final hätte es vielleicht gereicht, nun hofft zumindest die Nationalmannschaft für die Heim-WM auf die Rückkehr.
Bei den erfolgsverwöhnten Zürchern entspricht Platz 4 in der Qualifikation und das Aus im Halbfinal nicht den hohen Erwartungen. «Wir sind Zürich, wir haben den Anspruch, um den Meistertitel zu spielen», betont Marco Bayer. «Wir werden sicher gewisse Schlüsse ziehen und nächstes Jahr wieder angreifen.» Ob er dann noch als Chef an der Bande stehen wird, weiss er nicht mit Sicherheit. «Das liegt nicht in meinen Händen, das ist nicht mein Entscheid», meint der Trainer und lächelt etwas gequält.
Es liegt in den Händen von Sven Leuenberger und letztlich dem neuen Präsidenten Lorenz Frey-Hilti, dem Sohn des langjährigen Patrons Walter Frey. Klar ist: Bayer hat einen Vertrag für eine weitere Saison, und ein vorzeitiger Rauswurf würde überraschen. Leuenberger verdreht bei der Frage denn auch die Augen und verweist routiniert auf die folgende Saisonanalyse.
Kaum Änderungen im Kader
Neue Impulse kann er allerdings fast nur über den Trainer setzen. Sechs Ausländer haben einen weiterlaufenden Vertrag, als siebter kommt aus Rapperswil-Jona der Schwede Malte Strömwall. Valable Schweizer sind um diese Zeit sowieso keine mehr auf dem Markt. Wenn man Bayer etwas vorwerfen kann, dann, dass die jungen Spieler sich kaum entwickelt haben.
Eines ist dann allen Zürchern auch noch wichtig: Für den HCD haben sie viel Lob übrig. Lieber wollen sie aber nächste Saison selber wieder die Löwen mit der vollen Beisskraft sein.
