Verbandspräsident Urs Kessler und die Ohnmacht vor der Heim-WM
Sport
17. April 2026

Verbandspräsident Urs Kessler und die Ohnmacht vor der Heim-WM

Urs Kessler, Präsident der Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) seit letztem Herbst, war weit davon entfernt, sich klipp und klar zu äussern. Er sprach in einstudierten Worthülsen – von der «unangenehmen Situation», von «Vertrauen», von der «öffentlichen Debatte», die seit Montag über Patrick Fischer und den Verband eingebrochen ist, von «Fehleinschätzung», und dass man künftig «genauer hinschauen will, um besser zu werden». Und schliesslich will der Verband den Blick jetzt «nach vorne richten» – denn in weniger als einem Monat beginnt in Zürich und Freiburg die Heim-WM.

Präsident wusste von nichts

Klar ist: Innerhalb des Verbandes ist viel schief gelaufen seit dem Vorfall Mitte März, als Fischer während eines Mittagessens im Rahmen eines Drehtags mit dem Schweizer Fernsehen SRF von sich aus ausplauderte, dass er für ein gefälschtes Covid-Zertifikat verurteilt wurde. Bei diesem Mittagessen sass der Kommunikations-Verantwortliche des Verbandes mit am Tisch. Dennoch erfuhr Präsident Kessler gemäss eigener Aussage erst am letzten Montag von der Affäre.

Wohl auch deshalb kam es an eben diesem Montag zum Schnellschuss, sich ohne Vorbehalte hinter Fischer zu stellen, um anderthalb Tage später festzustellen, dass die Freistellung «notwendig und unumgänglich ist» (Zitat Urs Kessler).

Druck von allen Seiten

«Es war am Montag ein Fehler zu denken, dass alles gesagt ist», sagte Kessler am Freitag in seiner Ohnmacht, dass sich dunkle Wolken über der Heim-WM aufbauen. Von allen Seiten wurde die SIHF seit Montag unter Druck gesetzt – von der Öffentlichkeit, vom Bundesamt für Sport (BASPO), von Swiss Olympic, dem Internationalen Eishockeyverband (IIHF), den Medien und von Sponsoren. Alles führte dazu, dass der Verwaltungsrat des Verbandes am Mittwochvormittag an einer ausserordentlichen Sitzung entschied, Fischer freizustellen.

Die Entlassung wurde daraufhin zuerst dem Nationalmannschafts-Direktor Lars Weibel und dann Fischer telefonisch mitgeteilt. Fischer leitete in der Slowakei noch das Vormittagstraining; am Nachmittag stand er in Topolcany nicht mehr auf dem Eis. Am Mittwochnachmittag informierte der Verband das Nationalteam und seine offiziellen Partner, ehe am Abend die Trennung vom erfolgreichsten Nationaltrainer der Schweizer Eishockey-Geschichte veröffentlicht wurde.

Auf Tauchstation

Fischer kehrte derweil in die Schweiz zurück. Er will nicht nur die nächsten Tage, sondern die nächsten Wochen und Monate auf Tauchstation gehen. Am Donnerstag telefonierte Kessler nochmals mit Fischer. «Patrick Fischer ist eine Riesen-Persönlichkeit. Für den Mensch Patrick Fischer tut es mir sehr leid, dass er seine grossartige Arbeit mit der Heim-WM nicht krönen und beenden kann.»

Auf Fischer kommt weiteres Ungemach zu. Der Exekutivrat von Swiss Olympic hat den Wahlausschuss der Sports Awards aufgefordert, zu prüfen, ob ihm die letzten zwei seiner drei Auszeichnungen zum «Trainer des Jahres» aberkannt werden können. Dies hat Ruth Metzler, die Präsidentin der Dachorganisation, dem Eishockeyverband bereits mitgeteilt. Damit es soweit kommt, müssen aber auch die übrigen Partner der Sports Awards – die Athletenkommission, die SRG und die nationale Sportjournalisten-Vereinigung – einverstanden sein.

Was denken die Nationalspieler?

Offen ist auch, wie die Schweizer Nationalspieler und der Coaching-Staff über den «Fall Fischer» denken, der vor viereinhalb Jahren mit einem gefälschten Covid-Zertifikat begann und diese Woche implodierte. Bis nächste Woche soll sich, wenn es nach dem Verband geht, niemand aus dem Umfeld des Teams äussern dürfen. Das Team, so Kessler, sei in den Entlassungsprozess auch nicht involviert gewesen. Die Spieler wurden am Mittwoch per Video-Call über die Freistellung Fischers informiert. Der verhaltene Torjubel von Dario Rohrbach, der die Schweiz am Donnerstag bei der 1:3-Niederlage im ersten von zwei Länderspielen in der Slowakei 1:0 in Führung brachte, sagte womöglich das aus, was die Schweizer im Moment noch nicht sagen dürfen.

Weniger als einen Monat vor Beginn der WM in Zürich und Freiburg wünschen sie sich im Verband «Ruhe», damit das Nationalteam «sich auf das Heimturnier konzentrieren kann» (Zitate Urs Kessler). Aber nächste Woche mit den zwei Länderspielen gegen Ungarn in Biel, wenn die Spieler keinen «Maulkorb» mehr haben werden, wird diese Ruhe gewiss noch nicht einkehren.

Was in der Affäre um Fischer alles schiefgelaufen ist, soll eine unabhängige externe Untersuchung ergeben. Diese wurde vom Verband am Donnerstag bei einem renommierten Büro in Auftrag gegeben.