Wie Fabian Staudenmann die Enttäuschung vom ESAF abschüttelte
Fabian Staudenmann, was verstehen Sie unter einem Patron?
(lacht) «Ein Patron ist meistens mindestens 65 Jahre alt und hat schon graue Haare. Er sagt nicht so viel, aber wenn, dann zählt es. Etwa so stelle ich mir einen Patron vor.»
Fühlen Sie sich denn selbst wie einer?
«Nein, nicht wirklich.» (lacht wieder)
Und trotzdem haben Sie von Ihren Kollegen vom Schwingklub Schwarzenburg den Spitznamen «Patron» erhalten. Wie kam es dazu?
«Wir hatten mal eine Aktivität abseits vom Schwingen, bei der wir am Morgen noch etwas vorbereiten mussten. Ich habe verschlafen und bin knapp erschienen, weshalb die anderen alles selbst organisieren mussten. Sie sagten, sie seien ein richtiger Hühnerhaufen gewesen, unorganisiert, schrecklich. Und das alles, weil ich nicht da gewesen sei. Das war wohl das Zünglein an der Waage für die Namensgebung. Denn normalerweise bin ich schon einer, der das Heft in die Hand nimmt. Vor Wettkämpfen leite ich etwa das Aufwärmen.»
Der «Patron» hat bereits abgeliefert. Bei zwei Regionalfesten schwangen sie obenaus, hinzu kommen zwei 2. Ränge. An was haben Sie im Winter gearbeitet?
«Ich rechne stark im Drei-Jahres-Rhythmus. Im letzten Zyklus habe ich sehr viel investiert in den Sport. Am Ende der letzten Saison habe ich ein Resümee gezogen: Was hat funktioniert, was nicht? Die Schlussfolgerung war eine Anpassung respektive Umstellung des Trainings. Ich wollte den Schwerpunkt stärker ins Sägemehl verlegen.»
Sprich: Der Fokus sollte mehr auf der Technik denn auf der Kraft liegen?
«Genau. Mein Ziel war es, die Schwingtrainings auf möglichst hohem Niveau zu haben. Ich wollte dort das Maximum herausholen und mich bewusst auf gewisse Dinge fokussieren.»
Fühlen Sie sich besser als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison?
«Ein bisschen anders. Da ich das eine oder andere Athletiktraining weniger gemacht habe, würde ich bei den meisten messbaren Sachen wohl etwas schlechtere Werte erzielen als vor einem Jahr. Aber das Zentrale, das Gefühl im Sägemehl, kann ich noch nicht bewerten. Das ist erst im Verlauf der Saison mit den Resultaten messbar.»
Veränderungen gab es nicht nur im sportlichen Bereich: Sie haben Ihr Mathematikstudium nach zwei Jahren abgebrochen und studieren mittlerweile Volkswirtschaftslehre. Wie kam es zum Wechsel?
«Ich habe das Privileg, meine Prioritäten selbst setzen zu können. Die Entscheidungsfindung war ein Prozess über zwei, drei Monate. Ich hätte im Mathematikstudium mehr Zeit investieren müssen, um weiterzukommen. Neben dem Sport, der bei mir aktuell das Wichtigste ist, lag das nicht drin. Nun hoffe ich, dass sich das neue Studium besser mit dem Sport vereinbaren lässt.»
Sie haben sich früh der Mathematik verschrieben, lieben dieses Gebiet, weil alles logisch erklärbar ist. Im Schwingsport ist nicht immer alles logisch, sind Menschen am Werk, die Fehler machen, so auch die Kampfrichter. Im siebten Gang des ESAF wurde Ihnen gegen Domenic Schneider fälschlicherweise eine 9,75 statt eine 10,00 geschrieben, was Sie mit grösster Wahrscheinlichkeit die Teilnahme am Schlussgang kostete. Wie oft haben Sie seither an diesen Fehlentscheid zurückgedacht?
«Nicht oft, wirklich. Wenn überhaupt, dann zwischen dem siebten und achten Gang am ESAF selbst. Danach nicht mehr. Wie schöne gehören auch unschöne Emotionen dazu. Ich habe diese zugelassen und gelebt, meine Enttäuschung nicht verborgen. Am Freitag nach dem ESAF bin ich aufgestanden und habe Frieden mit dem Fest geschlossen. Ich bin nicht am Hadern. Damals dachte ich noch: Vielleicht hat es einen Haken und holt mich später noch ein. Aber mittlerweile ist doch einige Zeit vergangen und ich hatte nicht einmal das Gefühl: wieso?»
Das ist bemerkenswert, schliesslich war es einer der wohl bittersten Momente in Ihrer Karriere.
«Es gibt für mich einen ziemlich einfachen Weg, solche Sachen abzuhaken: Indem ich meine Energie in Dinge investiere, die ich beeinflussen kann – etwa Training, Taktik, Ernährung. Auf das Wetter, die Einteilung oder die Kampfrichter habe ich keinen Einfluss. Entsprechend wäre es Energieverschwendung, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Der Blick bei mir ist nach vorne gerichtet und nicht zurück.»
Mit einem Videoschiedsrichter wäre es wohl anders herausgekommen. Und trotzdem sind Sie kein Befürworter.
«Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht auf, und zwar nicht finanziell, sondern aus emotionaler Sicht. Emotionen sind das Wichtigste im Sport. Technische Hilfsmittel gehen immer auf Kosten der Emotionen. Wenn es technische Hilfsmittel gäbe, welche die Fehlerquote auf Null reduzieren würden, dann würde ich sagen: ‚Go for it, coole Sache‘. Aber im Schwingsport gibt es so viele Grauzonen. Mit dem Videoschiedsrichter gäbe es vielleicht den einen oder anderen Fehlentscheid weniger, aber nicht keine. Die Diskussionen würden einfach verlagert werden.»
Es steht eine Saison an, die im Kilchberger Schwinget ihren Höhepunkt findet. Sie haben das Fest vor fünf Jahren gemeinsam mit Samuel Giger und Damian Ott überraschend gewonnen, schliesslich hatten Sie zuvor erst zwei Festsiege auf dem Konto. Welchen Stellenwert hat dieser Triumph im Rückblick?
«Einen sehr hohen. Es war einer der speziellsten Festsiege. Zum einen wegen der Konstellation mit drei Co-Siegern. Zum anderen wegen des Verlaufs. Am Morgen fiel ich mit zwei Gestellten scheinbar aus der Entscheidung. Am Nachmittag habe ich 30 Punkte gemacht und das Fest doch noch gewonnen. Ich war noch sehr jung und unbeschwert, der Sieg kam unerwartet. Ich habe gar nicht so viel studiert, sondern einfach den Moment genossen.»
Mit dem Jubiläumsfest in Appenzell haben Sie vor zwei Jahren einen zweiten Anlass mit eidgenössischem Charakter gewonnen. Welchen Sieg gewichten Sie höher?
«Die Geschichte hinter dem Sieg am Kilchberger ist wohl cooler. Meine eigene Leistung schätze ich am Jubiläumsschwingfest aber bedeutend höher ein. In Kilchberg ist es einfach so passiert, auch mit etwas Glück. Den Triumph in Appenzell habe ich mir hart erarbeitet, mit vielen Trainingsstunden. Ich bin als einer der Favoriten angereist und habe dem Druck standgehalten. Das war für mich die grössere Leistung.»
Sie haben die «Schlussgang»-Wertung, die inoffizielle Jahresrangliste im Schwingsport, in den vergangenen drei Jahren gewonnen, weil sie der konstanteste Schwinger waren. Im gleichen Zeitraum gab es drei Feste mit eidgenössischem Charakter, von denen Sie mit dem Jubiläumsschwingfest in Appenzell «nur» eines gewinnen konnten. Das ist für einen Schwinger mit Ihrer Klasse eigentlich zu wenig.
(schmunzelt) «Ich bin sicher nicht zufrieden nach Hause gereist vom Unspunnen und dem ESAF. Aber das gehört halt auch zum Sport. Ich kann es nicht mehr ändern, muss diese Erfahrungen in meinen Rucksack packen und mitnehmen auf den weiteren Weg.»
Sie starten am 10. Mai mit dem Mittelländischen in Stettlen in die Kranzfestsaison. Auf welches Fest freuen Sie sich besonders?
«Da gibt es gleich drei Feste. Das Kantonale im Wankdorf ist eine coole Geschichte, zumal mit den Gästen (Samuel) Giger, (Armon) Orlik und (Werner) Schlegel. Eine Woche vorher bin ich zum ersten Mal am Nordostschweizer zu Gast. Dieser Kranz fehlt mir noch, den würde ich gerne gewinnen. Und dann freue ich mich auch auf den Brünig-Schwinget.»
Triumphieren Sie dort, haben Sie alle sechs Bergfeste mindestens einmal gewonnen – etwas, das bisher einzig dem Innerschweizer Martin Grab gelungen ist.
«Das wäre eine coole Geschichte. Dieser Meilenstein steht zwar nicht zuoberst auf meiner To-Do-Liste, aber er ist schon im Hinterkopf.»
Für Sie ist es eine Rückkehr auf den Brünig. Nach Ihrem bisher letzten Auftritt auf der Passhöhe vor drei Jahren haben Sie dem OK einen von rund 20 Schwingern unterschriebenen Brief mit Verbesserungsvorschlägen geschickt, der für Aufsehen gesorgt hat.
«Es ging um die allgemeine Wertschätzung gegenüber den Schwingern. Es wurde über gewisse Punkte diskutiert, man hat sich Gedanken gemacht. Allein das ist schon positiv.»
Das war aber schon eine typische Patron-Aktion von Ihnen.
«Ja, das kann man schon sagen.» (lacht)
