Erster Brutnachweis eines Schwarzstorchs in der Schweiz
Die Schweiz zählt eine neue Brutvogelart: den Schwarzstorch. Der Biologe Lionel Maumary entdeckte Anfang Juni im Kanton Waadt ein Nest der seltenen Vogelart. Das Brutpaar zieht derzeit drei Jungvögel auf, die rund zwei Wochen alt sind.
„Für mich ist diese Entdeckung der Abschluss von neun Jahren erfolgloser Suche“, schrieb Maumary, Präsident des Ornithologischen Kreises Lausanne, auf der Plattform oiseaux.ch. Zuvor hatte bereits die Zeitung „24 Heures“ über die Entdeckung berichtet.
Bereits seit 2018 vermuteten Ornithologen, dass der Schwarzstorch (Ciconia nigra) in den Wäldern des Kantons Waadt sowie im Nordosten der Schweiz brütet. Der definitive Nachweis gelang jedoch erst am 15. Mai 2026, als ein Altvogel gezielt in einen Waldrand im Kanton Waadt einflog.
Das Nest selbst entdeckte Maumary erst drei Wochen später, am 7. Juni. Aus Gründen des Artenschutzes wird dessen genauer Standort nicht bekannt gegeben.
Kein Kulturfolger wie Weissstorch
Für die Schweizerische Vogelwarte im luzernischen Sempach kommt die erste bestätigte Brut nicht völlig überraschend. „Seit mehreren Jahren hat es Hinweise auf mögliche Bruten in verschiedenen Regionen der Schweiz gegeben“, sagte der Biologe Livio Rey von der Vogelwarte der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage.“ Doch der Schwarzstorch gelte während der Brutzeit als äusserst heimlich, weshalb Neststandorte nur sehr schwer zu finden seien.
„Dass es nun endlich geklappt hat, ist Freiwilligen wie Lionel Maumary und seinem Engagement zu verdanken, die viel Zeit in die Suche nach dem Nest investiert haben“, so Rey.
Eine eigentliche Rückkehr
Historischen Quellen zufolge soll der Vogel mit dem schwarzen und metallisch grün und violett schillernden Federkleid sowie dem auffällig roten Schnabel und den roten Beinen noch im 16. Jahrhundert in der Schweiz gebrütet haben. Neuere Brutnachweise fehlten jedoch bislang. Mit dem nun entdeckten Nest gilt die Art erstmals in der Neuzeit wieder als Brutvogel der Schweiz.
Als Grund für die Rückkehr nennen Fachleute die positive Entwicklung der europäischen Bestände. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Verbreitungsgebiet des Schwarzstorchs kontinuierlich von Osten nach Westen ausgedehnt.
„Begünstigt wurde dies durch den rückläufigen Jagddruck sowie verschiedene Schutzprogramme, die sowohl Brutgebiete als auch Überwinterungsquartiere südlich der Sahara sichern“, führte Rey aus. „Im Zuge dieser Ausbreitung hat die Art nun auch die Schweiz erreicht.“
Seltener Gast auf dem Durchzug
Bislang war der Schwarzstorch hierzulande vor allem als Durchzügler bekannt. Zwar gilt er als selten, wird aber regelmässig beobachtet.
„Während des Vogelzugs kann er grundsätzlich in allen Regionen der Schweiz auftauchen, besonders häufig jedoch im Mittelland und über tieferen Alpenpässen“, erklärte Rey. „Da die Vögel meist die Thermik nutzen und nur selten längere Rastpausen einlegen, werden sie vergleichsweise selten gesichtet.“
Der Schwarzstorch, der etwas kleiner ist als der Weissstorch, brütet auf der Iberischen Halbinsel sowie in einem Verbreitungsgebiet, das von Mitteleuropa bis nach China und Korea reicht. Er bevorzugt ausgedehnte, ungestörte Laub- und Mischwälder mit Flüssen, Lichtungen, Weihern und Seen. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Wasserinsekten, kleinen Fischen und Amphibien.
