Die Heimat der iranischen Autorin Aliyeh Ataei ist die Sprache
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Höfner Volksblatt  
26. Juni 2026

Die Heimat der iranischen Autorin Aliyeh Ataei ist die Sprache

Die iranische Autorin Aliyeh Ataei ist seit Februar für sechs Monate Writer in Residence am Literaturhaus Zürich. Am 30. Internationalen Literaturfestival Leukerbad (26.-28.6.) liest sie aus ihren autofiktionalen Erzählungen „Im Land der Vergessenen“.

Aliyeh Ataei ist in der kargen Grenzregion zwischen dem Iran und Afghanistan geboren. Hier wurde ihre Identität zersplittert: „Ich hasse Grenzen, sie haben mein ganzes Leben geprägt“, sagt sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Für sie war die Frage nach der eigenen Identität immer präsent, obwohl Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan in ihrer Kindheit für sie nicht unterscheidbar waren. In Teheran scheinen diese Zugehörigkeiten klarer. Dort leben je nach Quelle rund zwei bis drei Millionen Menschen afghanischer Herkunft. Sie werden in politischen Debatten und sozialen Medien oft für soziale oder wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht.

Figuren zwischen den Welten

Viele von Ataeis Figuren leben zwischen den Welten, oft umgeben von Gewalt, Krieg, religiösem Extremismus und Vertreibung. Selbst wenn sie bewusst beschliesse, über etwas völlig anderes zu schreiben, tauche mitten im Schreibprozess plötzlich eine migrantische Figur auf oder jemand, der nach Zugehörigkeit sucht. „Manchmal habe ich das Gefühl, diese Themen sind Geister, die mir folgen. Egal, wie weit ich versuche, mich von ihnen zu entfernen, sie kehren zurück.“

Für Ataei gibt es drei Sorten Menschen: Manche seien wie Bäume und blieben stets an einem Ort; andere verlassen einen Ort und bauen sich anderswo ein neues Leben auf; die Dritten bewegen sich ständig durch die Welt und seien ständig auf der Suche. „Ich versuche zu verstehen, welcher dieser Menschen ich bin und ob ich irgendwann zurückkehren und selbst Wurzeln schlagen kann.“

Ataei beschreibt scharf, einfühlsam und unvermittelt. Sie verleiht ihren Figuren – oft Frauen – Handlungsmacht und Erinnerung. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr im Iran lebt, schreibt sie weiterhin auf Farsi. „Die Sprache ist zu meiner Heimat geworden. Sie hält die Verbindung zu mir selbst aufrecht.“ Normalerweise spreche sie es nur mit ihren Figuren in ihrem Kopf. Als sie im Januar 2026 in den Iran zurückkehrte und am Flughafen alle Farsi sprachen, war sie erschüttert: „Ich dachte kurz, ich werde meine Figuren nicht mehr hören.“

„In mir ging der Krieg weiter“

Aus familiären Gründen war sie nach Teheran gereist und hatte dort Spuren der niedergeschlagenen Proteste gesehen. Als Ende Februar Israel und die USA den Iran angriffen, war Ataei bereits seit ein paar Wochen in der Schweiz. „Manchmal waren kaum Menschen unterwegs in den Strassen, alles schien ruhig zu sein. Aber in mir ging der Krieg weiter.“

Jedes ungewohnte Geräusch, beispielsweise Kirchenglocken, erschreckte sie und klang wie ein Alarm, Sirenen oder Bomben. Vor den Sechseläuten-Feierlichkeiten wurde sie glücklicherweise vorgewarnt. Die Höflichkeit hier in der Schweiz erinnere sie an den Iran. „Die Menschen sind stark bemüht, Würde und Stolz zu bewahren. Auch wenn mir nicht alles daran persönlich gefällt, respektiere ich es, weil es aus dem Wunsch entsteht, menschlich zu sein und zusammenzuleben.“ Und auch die Schweizer Distanziertheit gefällt ihr: Sie sei Schriftstellerin, sie möge die Ruhe.

Eine neue Heidi-Figur

Ihre Vorstellung der Schweiz sei stark geprägt von Heidi, den Animationsfilm kenne sie seit Kindheitstagen: „Für mich stand Heidi für Frieden, das Leben in den Bergen, Einfachheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Dieses Bild hat meine Generation stark geprägt.“ Heute ist die Welt eine andere. Deshalb schreibt sie in Zürich eine neue Heidi-Figur, die auch jenen Zugehörigkeit und Hoffnung vermittelt, die unter völlig anderen Bedingungen aufwachsen.

Von Ataeis Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Essays wurde bisher erst eine Sammlung von Erzählungen auf deutsch übersetzt: „Im Land der Vergessenen“. Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad wird sie daraus am Freitag (26.6.) um 14.00 Uhr und am Samstag (27.6.) um 17.00 lesen.

Dass das gestiegene Interesse an ihren Texten mit der aktuellen politischen Lage zu tun hat, ist ihr bewusst. Sie selbst fühle sich aber nicht dafür verantwortlich, die iranische Kultur oder das iranische Volk zu erklären. „Ich schreibe, weil ich die Wahrheit so ehrlich erzählen möchte, wie ich kann, und im Wissen, dass die Wahrheit nicht immer eindeutig ist. Meine einzige Verantwortung besteht darin, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein.“

Dass der Westen Geschichten lesen will aus Regionen, wo westliche Mächte Schaden anrichten, findet sie paradox. „Mächtige Länder greifen andere an, führen Kriege, hinterlassen Zerstörung – und später werden wir gebeten, die Folgen zu erklären. Warum liegt die Verantwortung, das Geschehene verständlich zu machen, bei denen, die es überlebt haben?“ Darauf habe sie keine Antwort.

Die Situation afghanischer Frauen sichtbar machen:

Die iranische Autorin Aliyeh Ataei wohnt seit einigen Jahren in Westeuropa, aktuell in Zürich als Writer in Residence am dortigen Literaturhaus. Seit dem die Taliban in Afghanistan Frauen von jeglicher Bildung ausschliessen, unterrichtet sie ein Mal pro Woche junge Frauen online im Geschichtenerzählen.

„Bevor sie sich anderen erklären, müssen sie sich selbst verstehen und ihre eigene Geschichte erzählen können“, sagt Aliyeh Ataei im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Ob aus diesen Geschichten dann irgendwann einmal ein Erzählband wird, steht für sie in den Sternen.

Die jungen Frauen erzählten ihr von sich selbst, von ihren Familien, vom Leben in ihren Städten und von den Schwierigkeiten, denen sie jeden Tag begegnen. „Das ist manchmal wirklich schwierig und kostet Kraft. Aber ich mache diese Arbeit mit grosser Freude“, so Ataei.

Die Schreibe der Frauen sei „noch sehr jung und unvermittelt“. In ihren Texten liege „eine Ehrlichkeit, die man anderswo nur selten findet. Sie schreiben nicht, weil sie Schriftstellerinnen werden wollen; sie schreiben, weil sie erzählen müssen.“*

*Dieser Text von Philine Erni, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.