Polparteien SVP und SP starten gestärkt in den Wahlkampf 2027
Ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen zeichnet sich eine Polarisierung ab. Das SRG-Wahlbarometer und die kantonalen Wahlen zeigen: SVP und SP legen zu, während FDP und Mitte unter Druck geraten. Eine Auslegeordnung zwölf Monate vor dem Urnengang.
Am 24. Oktober 2027 ist Wahltag. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich die Schweizer Politik warmlaufen. Die Ausgangslage für den Wahlkampf ist geprägt von einer Rückkehr der Pole. Das jüngste SRG-Wahlbarometer wie auch die kantonalen Urnengänge seit Herbst 2023 weisen in dieselbe Richtung. Die rechtsbürgerliche SVP und die linke SP legen zu, während die Parteien der Mitte Federn lassen.
SVP auf Rekordjagd, SP im Aufwind
Gemäss dem Wahlbarometer des Instituts Sotomo im Auftrag der SRG steuert die SVP auf ein Rekordergebnis zu: Mit 29,9 Prozent Wähleranteil (+2,0 Prozentpunkte gegenüber 2023) würde die Volkspartei ihr bisheriges historisches Spitzenresultat von 2015 (29,4 Prozent) übertreffen. Auch die SP befindet sich mit prognostizierten 19,3 Prozent (+1,0) auf einem Niveau, wie sie es seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr erreicht hat.
Dagegen droht der Mitte ein Dämpfer. Die Mitte-Partei verliert in der Umfrage 1,5 Prozentpunkte und fällt auf 12,6 Prozent zurück – der Schwung der Fusion von CVP und BDP scheint zu verpuffen. Auch die FDP verliert: Mit 13,3 Prozent (-1,0) droht ihr historisch schlechtestes Wahlresultat.
Die Grünen scheinen sich nach den Verlusten von 2023 leicht zu erholen (10,3 Prozent; +0,5), während die GLP bei 7,1 Prozent (-0,5) verharrt.
Kantonale Wahlen stützen den Trend
Diese Momentaufnahme spiegelt die kantonalen Urnengänge der letzten drei Jahre wider. Bei den Parlamentswahlen seit Herbst 2023 – etwa in Schwyz, St. Gallen, Aargau, Obwalden, Wallis, Solothurn und Bern – ging fast überall die SVP als Siegerin hervor. Die Rechtspartei gewann in den Kantonsparlamenten über fünfzig Sitze hinzu und baute ihre Vormachtstellung im ländlichen Raum aus, auch in der Romandie.
Auch die SP verbuchte kontinuierliche Mandatsgewinne, insgesamt rund zwanzig Sitze in kantonalen Parlamenten. Sie profitierte vielfach von Verlusten der Grünen, die in den meisten kantonalen Parlamenten Sitze abgeben mussten, insgesamt über 25 Sitze.
Die zweitgrösste Verliererin der kantonalen Wahlen ist die FDP mit rund 15 Sitzverlusten. Für die FDP gehe es in den Kantonen konstant nach unten, bilanzieren Politologen. Auch die GLP musste in den vergangenen drei Jahren in den Kantonen Federn lassen, sie verlor rund zehn Sitze.
Bei den Regierungsratswahlen vermag die Mitte-Partei ihre Exekutivbastionen dank breiter Allianzen zäh zu verteidigen, und auch in den Parlamenten verlor sie im Vergleich zur FDP nur wenige Sitze.
Themenkonjunktur treibt die Polarisierung
Dass die Ränder zulegen, führen Wahlforscher auf die Themenkonjunktur zurück. Zuoberst auf dem Sorgenbarometer steht mit 39 Prozent die Krankenkassenprämienlast – eine Domäne der SP. Nach dem Hitzesommer 2026 ist das Klima wieder auf Platz zwei geschnellt (35 Prozent). Dahinter folgen Zuwanderung, Asylwesen und die EU (je rund 25 Prozent) – Kernthemen, die traditionell die SVP mobilisieren.
„Die Ergebnisse stehen für Polarisierung, nicht für einen generellen Rechtsrutsch“, hält Sotomo fest. Laut Politologe Sean Müller hilft der Rechtskurs der FDP eher dem Original: „Nähert sich eine Partei den Themen rechtsnationaler Parteien an, stärkt das die SVP.“
Ständerat als Trutzburg der Mitte
Ein entscheidender Faktor relativiert die Dominanz der Pole im Nationalrat: der Ständerat. Während die SVP in der grossen Kammer dominiert, stellen Mitte (15 Sitze) und FDP (12 Sitze) im 46-köpfigen Ständerat fast sechzig Prozent der Mandate. Die SVP verfügt über lediglich sieben Sitze.
Da der Ständerat fast überall im Majorzverfahren gewählt wird, entscheiden dort Persönlichkeiten und überparteiliche Allianzen. Wer nur auf die Nationalratsumfragen blicke, übersehe die Machtverhältnisse der Kantone, warnen Politologen. Die politische Mitte mag im Nationalrat wanken – im „Stöckli“ bleibt sie das Zünglein an der Waage.
Ehrgeizige Parteiziele und Baustellen
Noch haben sich die Parteispitzen nicht in die Karten blicken lassen, was die konkreten Wahlziele betrifft. Die SVP dürfte zumindest intern die 30-Prozent-Marke anvisieren, die SP die 20-Prozent-Marke. Beide Polparteien dürften daneben auf einen Zuwachs in der kleinen Kammer hoffen.
Die FDP kämpft gleichzeitig um Platz drei in der nationalen Parteihierarchie. Oberstes Ziel dürfte es sein, die Mitte auf Distanz zu halten, um den zweiten Bundesratssitz abzusichern. Umgekehrt die Mitte: Sie möchte die FDP überholen. Gemäss den aktuellen Umfragen und Wahlergebnissen muss die Partei aber vorerst verhindern, dass der Abwärtstrend der ehemaligen CVP wieder einsetzt.
Dahinter dürften die beiden kleineren Parteien Grüne und GLP versuchen, nächstes Jahr eine zweite „grüne Welle“ nach 2019 auszulösen. Zumindest die Grünen wollen langfristig den Anspruch auf einen Bundesratssitz wahren.
