Gasspeicher dürften mit tiefer Auslastung in den Winter gehen
Die europäischen Gasspeicher sind aktuell deutlich weniger gefüllt als sonst zu dieser Jahreszeit. Bis zum Winter dürfte der Rückstand laut Experten nicht mehr aufgeholt werden.
„Die Füllstände der europäischen Gasspeicher sind sehr tief, und sie dürften auch mit geringen Niveaus in den Winter hineingehen“, sagt Andy Sommer vom Schweizer Energiekonzern Axpo zur Nachrichtenagentur AWP. Er schätzt, dass sie bis Oktober/November auf grob 70 bis 75 Prozent ansteigen. Normal seien eher 85 bis 90 Prozent.
Das wären Werte am tiefen Ende der historischen Bandbreite, er würde aber noch nicht von einer „kritischen“ Situation sprechen. Es sei jedoch ein Niveau, das das System anfälliger gegenüber Schocks mache. „Entscheidend ist, wie kalt der Winter wird“, so Sommer.
Schweiz ist abhängig von Europa
Momentan sind die Gasspeicher in der EU zu 50,9 Prozent gefüllt, wie aus Daten des Branchenverbands „Gas Infrastructure Europe“ hervorgeht. Der Füllstand bewegt sich damit unter dem langjährigen Durchschnitt: In den vergangenen zehn Jahren betrug dieser zum selben Zeitpunkt 66,0 Prozent.
Die Schweiz hat keine kommerziell betriebenen Gasspeicher und ist von den Reserven anderer Länder abhängig. In Deutschland stehen die grössten Speicher, die rund 17 Prozent der gesamten Kapazität in Europa abdecken. Dahinter folgen Italien, die Niederlande und Frankreich.
Die Gasspeicherung war bis dato attraktiv, weil die Preise für Erdgas im Sommer in der Regel tiefer sind, und es sich dann lohnt, einzuspeichern und im Winter zu höheren Preisen wieder zu verkaufen. Jetzt seien wegen des Kriegs im Nahen Osten und wegen des Wegfalls der Flüssiggaslieferungen (LNG) aus Katar die Gaspreise seit dem Frühling auch in Europa deutlich höher als in anderen Jahren, heisst es dazu von der Zuger MET Group.
Asien zahlt für das Gas aus Katar nach dem Wegfall der LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten höhere Preise als Europa.
Gasmarkt verändert sich
Das Geschäftsmodell der Gasspeicherbetreiber greife also nicht mehr im selben Masse wie früher. Die europäischen Marktteilnehmer würden derzeit darauf spekulieren, noch später im Sommer vermehrt Gas einspeichern zu können, so MET.
Dennoch seien die Füllstände der Gasspeicher in den vergangenen Wochen langsam, aber stetig angestiegen. Und ein akutes Versorgungsproblem bestehe derzeit nicht. Europa könne auch in der kalten Jahreszeit dank der in den vergangenen Jahren ausgebauten Infrastruktur mit Flüssiggas versorgt werden.
Kritisch werde die Versorgungslage in Europa erst, wenn im Winter gleichzeitig Kälte, eine hohe Nachfrage und eingeschränkte Importmöglichkeiten respektive Lieferschwierigkeiten auftreten sollten. Klar sei aber: Europa ist beim Flüssiggas von der Lage auf dem Weltmarkt abhängig. Es werde daher auch in Zukunft immer wieder Situationen geben, wo Europa mit Asien um dieselben LNG-Mengen konkurrieren werde, heisst es von MET.
