Ausserschwyz
21. Juli 2023

Lieber Götti

Wollerau, im Juli 2023

Wir bekommen Besuch. Nicht einfach schnell zum Mittagessen. Richtig. Für mehrere Tage. Eine ganze Familie mit zwei Kindern und eins im Kommen. Also die Frau ist schwanger. Darum darf sie jetzt noch verreisen. In einigen Wochen nicht mehr, weil die Fluggesellschaften eh schon überlastet sind. Wenn ich dir das schreibe, hängen wir gerade am Flughafen herum, mein Vater und ich. Und das seit mindestens einer Stunde. Wir haben die Ankunftszeit genau gecheckt. Jetzt hat sie sich nach hinten verschoben. Und so geht das vielleicht noch weiter, immer weiter nach hinten. Zum Glück steht auf der Anzeigetafel nicht, dass wir uns am Schalter melden sollen. Wäre ein schlimmes Zeichen. Flug umgeleitet, in eine Orkanböe geraten, abgeschossen, abgestürzt. Ist alles schon passiert. Es gibt so Videos. Wir haben ein Buch davon. Kann viel geschehen. Ein verstopfter überhitzter Gotthardtunnel ist auch nicht lustig, ich weiss. Und wenn mitten in den grössten Orkanböen die Warnlampen rund um den Zürichsee eine Panne haben …Pech gehabt. Ist letzte Woche passiert. Die meisten Böötler und sonstigen Kapitäne merken trotzdem, dass die Wellen immer höher und der Sturm heftiger wird.

Ich würde auch gerne mal wieder auf eine Flugreise. Dann wäre das Herumhängen hier bedeutend sinnvoller und aufregender. Wenigstens haben wir nicht noch Geschenke mitgeschleppt wie viele andere, die warten. Die erwarten halt ihre Liebsten, meint mein Vater. Wir nicht. Wir warten einfach auf Besuch. Und dem können wir auch später noch etwas schenken, wenn wir wissen, wie er so ist. Zudem finde ich es schon ein ziemliches Geschenk von mir, dass ich aus meinem Zimmer ausgezogen bin, damit die Kinder des Besuchs dort drin schlafen. Ich bin nicht irgendwohin ausgezogen, sondern …auf die Matratze zwischen Einhorn, Frostkönigin und Plüschpferde auf dem Boden neben dem Bett meiner Schwester. Man hätte auch die Besuchskinder aufteilen können. Eins bei mir, eins bei ihr. Da war der Umzug zu meiner Schwester das kleinere Übel. Da weiss man, was man hat. Wir sind Familie. In den mexikanischen Drogenkartellen sagen sie das auch.

Ich durfte mit meinem Vater eine Folge von Breaking Bad schauen. Schliesslich hab ich Ferien. Sie jagten zum Beispiel einen richtig langen amerikanischen Lastwagen mit Baumstämmen in die Luft, weil darin ein Gangster oder so versteckt war. Schade um die Baumstämme, sagte Tante Martha, die kurz vorbei schaute. Bei all dem Waldbrand in Bitsch. Und Simon Föhn, unser neuer Revierförster habe es auch gesagt. Man muss den Bäumen Sorge tragen und immer wieder aufforsten und neue stärkere pflanzen: Eichen, Ahorn, Buchen. Was er jetzt pflanzt, ist in 100 Jahren ein ausgewachsener Baum mit tiefen Wurzeln. Genau wie der Revierförster selber, ergänzte Tante Martha. Sie habe seine Grosseltern gekannt. Begabte Bienenzüchter. Das Lieblingstier des Revierförsters ist der Rabe. Das passt. Im Wald trifft er sie und als Feusisberger hat er sie im Wappen.

Wir warten immer noch.

Immerhin nicht hundert Jahre wie der Förster auf seine Bäume. Einige, die auf die Liebsten warten, tragen Ballone mit sich, gefüllt mit Helium und der Aufschrift «Welcome». Auf Deutsch scheint es die Ballone nicht zu geben. Dann jene, die ein ganzes Band hochhalten wie bei einer Demo: «Sebastian endlich daheim!» Wo steckte der wohl? Und wie lange war er nicht mehr daheim. Zwei mit Velo hinter uns sind voll am Krampfen. Sie versuchen aus ihren Fahrrädern wieder Zweiräder zu machen und das vordere Rad einzuschrauben. Scheint schwierig. Für den Transport mussten sie das Rad wahrscheinlich abmontierten. Damit ihnen keiner das Velo klaut und abhaut. Wohin auch. Es gibt zwar Flugsaurier und fliegende Untertassen, aber keine Flugbikes. Schlafende schwarze Kinder. Mütter in den Kleidern wie daheim in Afrika. Sehr farbig. Eine Frau aus einem Land, wo man das Gesicht nicht zeigt, ganz in Schwarz. Sie steht neben den Velofahrern und ist am Auswickeln. Weg mit den schwarzen Tüchern. Darunter voll cool High Heels mit knallroten Sohlen.

Haben viel Geld vom Erdöl, sagt mein Vater und jede Menge Personal zum Kochen, Putzen usw. Wir nicht. Wir putzten selber für unseren Besuch. Staubwolken stiegen unter meinem Bett auf. Alles eingesogen. Es lagen da auch tote Wespen, Spinnen und ein toter Spatz. Aber der lag im Garten und wäre im Staubsauger stecken geblieben.

Alles ist also bereit und nun ist es so weit. Ich muss aufhören zu schreiben. Der Besuch kommt aus der Ankunft und ich freue mich nun sehr. Dir auch ein gutes Wochenende!

Viele Grüsse Philipp